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SOZIALÖKONOMIE.INFO

Werner Onken
Vom Sozialdarwinismus zur Solidarischen Ökonomie
Kritische Aufarbeitung des Einflusses der Evolutionstheorie auf die Geld- und Bodenreformbewegung

Übersicht

1  Einleitung

2  Darwin, Wallace, Haeckel und die Evolutionstheorie

3  Von der Evolutionstheorie zum Sozialdarwinismus

3.1  „Linker Sozialdarwinismus“

3.2  „Sozialdarwinismus des Status quo“

3.3  Fließende Übergänge zwischen dem konservativen und dem reformerischen Sozialdarwinismus

3.4  Absturz in die Barbarei des Nationalsozialismus

4    Gesells Rezeption der Evolutionstheorie

4.1  Zwiespältiges Verhältnis zum Christentum

4.2    Erwartungen an die Evolutionstheorie als mögliche Trägerin der Geld- und Bodenreform

4.3  Von der „natürlichen Ordnung“ der Physiokraten zur „Natürlichen Wirtschaftsordnung“ und zu ihrer Verbindung mit der „natürlichen Auslese“ der Evolutionstheorie

4.3.1  Von der „kapitalistischen Auslese“ auf monopolistischen Märkten zur wieder hergestellten „natürlichen Auslese“ auf monopolfreien Märkten  

4.3.2  Vervollständigung der „natürlichen Auslese“ durch eine das ökonomische Gefälle zwischen Vätern und Müttern ausgleichende „Mütterrente“

4.4  Weitere Unterschiede zwischen der „Natürlichen Wirtschaftsordnung“ und dem konservativ-reaktionären Sozialdarwinismus

5   Und dennoch: Plädoyer für eine Lösung der Geld- und Bodenreform von der Evolutionslehre und vom Sozialdarwinismus

5.1  Übersehener Widerspruch zwischen dem „Kampf ums Dasein“ und dem „freien Spiel der wirtschaftlichen Kräfte“

5.2  Fragwürdige Aufteilung des Lebens in eine vom Egoismus gesteuerte Wirtschaft und in vom Altruismus bestimmte andere Lebensbereiche

5.3  Von der Überbewertung der Leistungen von „Tüchtigen“ zur Fehldeutung der „natürlichen Wirtschaftsordnung“ als neuer privilegienfreier Form einer Aristokratie

5.4  Ungelöst gebliebene Widersprüche in Gesells Menschenbild und in seiner Anhängerschaft bis 1933 bzw. 1945

5.5  Nach 1945: Der allzu lange versäumte Abschied der Geld- und Bodenreform vom Sozialdarwinismus und ihre Suche nach einem neuen Menschenbild

5.6  Zwischenbilanz und Schlussfolgerung

6    Sozialdarwinismus in modernen Gewändern

6.1  Vom soziobiologischen „Kampf egoistischer Gene“ zum „Prinzip Menschlichkeit“

6.2  Evolutorische Ökonomik: „natürliche Auslese“ im Wettlauf der Großunternehmen um Innovationen und Wachstum

7    Ausblick

Literatur

Anmerkungen



Einleitung 

In den vergangenen Jahren ist dem Geld- und Bodenreformmodell Silvio Gesells mehrfach entgegengehalten worden, dass es auf einem sozialdarwinistischen Menschenbild beruhe und von daher nicht geeignet sei, einen Beitrag zu einer Alternative zum neoliberalen Kapitalismus zu leisten.[1]

   Tatsächlich ließ sich Gesell ab 1912/13  -  mehr als 20 Jahre nach dem Erscheinen seiner Frühschriften über die Geldreform (1891/92) und rund 10 Jahre nach ihrer Verbindung mit einer Bodenreform (1903) -  nachträglich noch stark von der Evolutionstheorie beeinflussen. In drei Aufsätzen in den Zeitschriften „Der Physiokrat“ (1913) und „Die Freistatt“ (1917/18) sowie im Vorwort zur 3. Auflage seines Hauptwerks „Die Natürliche Wirtschaftsordnung“ (1919), in der Münchener Verteidigungsrede (1919) und in seiner Broschüre „Der Aufstieg des Abendlandes“ (1923) hat dieser Einfluss deutliche Spuren hinterlassen. Der wirtschaftliche Wettbewerb wird darin ganz im Sinne von Charles Darwin, Alfred Wallace und Ernst Haeckel als „natürliche Auslese“ aufgefasst. Dieser „Kampf ums Dasein“ wird bestimmt von den Gesetzen der „natürlichen Zuchtwahl“ und der „Hochzucht“. In der Generationenfolge komme insbesondere den Frauen das „große Zuchtwahlrecht“ zu.[2]

   Dass diese deutlich sichtbaren Spuren des Einflusses der Evolutionstheorie auf Gesells Werke fast 100 Jahre später grauenhafte Erinnerungen an die menschenverachtende Rassenideologie des Nationalsozialismus wecken und den Zugang zum Kern seines ökonomischen Reformprojektserschweren, ist mehr als nur verständlich. Vielmehr wäre es verwunderlich, wenn sie bei der Lektüre von Gesells Quellentexten nicht wenigstens ein großes Unbehagen oder mehr noch die bange Frage auslösen würden, ob er trotz mancher gegenteiliger Aussagen vielleicht doch auch ein Wegbereiter schauerlicher Pläne zur Züchtung bzw. Vernichtung von Menschen gewesen sein könnte.

   Diese Frage lässt sich mit gutem Gewissen verneinen. In ihrer ursprünglichen Form hätte die Geld- und Bodenreform einen Beitrag zur Überwindung des Sozialdarwinismus leisten können, was allerdings nicht auf den ersten Blick erkennbar ist, weil sich Gesell nachträglich von der Evolutionstheorie beeinflussen ließ. Dadurch entstand ein von ihm selbst nicht wahrgenommener Widerspruch zwischen seinem ökonomischen Reformprogramm und seinem von Zeitgeist geprägten Menschenbild. Spätere Unterstützer der Geld- und Bodenreform haben eine gründliche Aufarbeitung von Gesells widersprüchlichem Menschenbild und den darin enthaltenen sozialdarwinistischen Tendenzen leider versäumt. Dies könnte mehrere Ursachen haben, darunter eine mangelnde Bereitschaft, Schwächen bei Gesell zuzugestehen. Auch die Unsicherheit gegenüber philosophischen Fragen dürfte frühzeitigere Bemühungen um eine gründlichere Klärung des Menschenbildes der Geld- und Bodenreform verhindert haben. Desinteresse an Fragen des Menschenbildes führte zu der Ansicht, Gesells ökonomischen Denkansatz unabhängig von dem mit ihm verbundenen Menschenbild fortentwickeln zu können. Mehrfach wurde die Geld- und Bodenreform auch ohne detaillierte Auseinandersetzung mit ihrer historischen Beeinflussung durch die Evolutionstheorie mit anderen Menschenbildern verbunden. Schließlich löste auch die Unsachlichkeit, mit der Gesell zuweilen des Sozialdarwinismus bezichtigt wurde[3], Abwehrreaktionen aus anstatt die Bereitschaft zu fördern, die allzu lange versäumte kritische Beschäftigung mit dem Einfluss der Evolutionstheorie auf Gesell nachzuholen.

    Ohne dessen Hinwendung zur Evolutionstheorie rechtfertigen zu wollen, soll hier zunächst  unter Berücksichtigung der damaligen Zeitumstände rekonstruiert werden, wie es überhaupt dazu kam. Sodann stellt sich die Frage, an welche Strömungen innerhalb des sehr vielschichtig differenzierten Sozialdarwinismus Gesell anknüpfte, ob diese Anknüpfung logisch folgerichtig war und ob sich seine damit verbundenen Erwartungen erfüllt haben (Kap. 2 – 4). Sodann soll eine längst überfällige Auflösung der Verbindung der Geld- und Bodenreform mit dem Sozialdarwinismus empfohlen und gezeigt werden, wo Gesells Nachfolger diesen Schritt bereits seit längerem durch eine Hinwendung zu anderen Menschenbildern vorbereitet haben (Kap. 5). Abschließend soll darauf hingewiesen werden, dass auch im gegenwärtigen Zeitalter des sog. Neoliberalismus noch immer sozialdarwinistische Denkweisen verbreitet sind, die lediglich unverfänglichere Bezeichnungen tragen (Kap. 6).

2     Darwin, Wallace, Haeckel und die Evolutionstheorie                                    [Übersicht]

   Seit dem Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit bahnte die Philosophie des Humanismus und der Aufklärung den modernen Naturwissenschaften mit ihrem Glauben an den technischen Fortschritt sowie dem klassischen Liberalismus in der Ökonomie ihren Aufstieg. Während Kopernikus und Newton die Vorstellungswelten der Astronomie und der Physik bereits lange vor der Französischen Revolution mit dem heliozentrischen Weltbild und der klassischen Mechanik umwälzten, revolutionierten Charles Darwin und Alfred Russell Wallace die Vorstellungswelt der Biologie ab etwa 1860 mit dem Gedanken, dass die Lebewesen auf der Erde ihr Dasein nicht isolierten göttlichen Schöpfungsakten verdanken, sondern einem evolutionären Prozess der „natürlichen Auslese“ und der „natürlichen Zuchtwahl“, bei dem die „tüchtigsten“ Arten und Exemplare innerhalb einzelner Arten überleben.[4]

   Zuvor hatte bereits Lamarck Untersuchungen über Veränderungen von Arten und ihre Entwicklung von einfacheren zu komplexeren Formen angestellt. Jedoch hatte Lamarck noch eine den Arten innewohnende Kraft zur zielstrebigen Selbstvervollkommnung und zur Vererbung der Entwicklungsfortschritte angenommen, während Darwin die Evolution ohne Zuhilfenahme einer das Leben ordnenden Kraft mechanistisch aus dem Kampf ums Dasein erklärte.

   Als Reaktion auf die Isolation der Individuen in der vom Marktmechanismus gesteuerten Gesellschaft postulierte Herbert Spencer den biologistischen Gedanken, dass die Individuen einen Gesellschaftsorganismus bilden. Repräsentiert werde er durch einen so wenig wie möglich bürokratisierten demokratischen, lediglich das Vertragsrecht schützenden Staat, der den Individuen alle Freiheiten der wirtschaftlichen Entwicklung lassen und keine Sozialpolitik für die Armen betreiben solle. Mit dem von ihm geprägten Ausdruck „survival of the fittest“ meinte Spencer allerdings noch nicht die rücksichtslose Verdrängung von Schwachen durch Starke, sondern die Entwicklungsfähigkeit und das Überleben derjenigen, denen es am besten gelingt, sich an die äußeren Lebensbedingungen anzupassen. Auf der Grundlage von Eigeninteresse ebenso wie von zwischenmenschlicher Sympathie und Rücksichtnahme verbürge der Wettbewerb eine gesellschaftliche Evolution in aufsteigender Linie.[5]

    Obwohl Darwin im Anschluss an Lamarck ausschließlich die „Entstehung der Arten“ in der Pflanzen- und Tierwelt erforschte, ließ er sich dabei merkwürdigerweise außer von Spencer von einer weiteren sozialökonomischen Theorie leiten, und zwar von der bereits um 1800 von Malthus formulierten Theorie über die menschliche Bevölkerungsentwicklung. Ihr zufolge galt der „Kampf ums Dasein“ als eine „unvermeidliche Folge der starken Vermehrung der Lebewesen in geometrischer Progression“, weil sich die Produktion von Nahrungsmitteln allenfalls in linearer Progression steigern ließe. So hat Darwin  -  wie er es selbst ausdrückte  -  ohne jede Absicht, „irgendwie religiöse Gefühle zu verletzen …, die Lehre von Malthus mit verstärkter Kraft auf das ganze Tier- und Pflanzenreich angewendet.“ In Übereinstimmung mit dem Fortschrittsglauben der Moderne gelangte er dabei zu der Überzeugung, dass „aus dem Kampf der Natur, aus Hunger und Tod ... unmittelbar das Höchste hervorgeht, das wir uns vorstellen können: die Erzeugung immer höherer und vollkommenerer Wesen.“[6]

   Gewiss charakterisierte Darwin in seinem zweiten Werk „Die Abstammung des Menschen“ (1871) den Menschen als ein „soziales Wesen“ mit einem Gewissen und mit Gefühlen von Sympathie und Nächstenliebe, mit dem Impuls zu gegenseitiger Hilfe und anderen „sozialen Instinkten“. Und er verurteilte die Sklaverei ausdrücklich als ein „Verbrechen“.[7] Andererseits fehlte ihm trotz seiner humanistischen Gesinnung ebenso wie Spencer der nötige Blick für die soziale Ungerechtigkeit der frühkapitalistischen Industriegesellschaft seiner Zeit. In der „Anhäufung von Kapital“ und dem „Erben von Besitz“ sah Darwin „durchaus kein Übel“: „Ohne Zweifel degradiert der Reichtum, wenn er zu groß wird, zu nutzlosen Drohnen; aber ihre Zahl wird stets beschränkt sein. … Selbst der große Luxus der Reichen scheint nicht sehr zu verweichlichen.“[8]

   An der sozialen Spaltung der Gesellschaft in wenige Reiche und viele Arme nahm Darwin keinen Anstoß. Ihm war nicht bewusst, dass sich das liberale Bürgertum von einer ehemals progressiven Kraft, die die Herrschaft von Adel und Klerus überwunden hatte, zu einer konservativen Kraft gewandelt hatte, die nunmehr eigene Privilegien ihres Geld- und Realkapitalbesitzes gegen die Interessen des Industrieproletariats verteidigte, das sich in stark wachsendem Umfang in städtischen Slums konzentrierte. Darwin nahm nicht wahr, dass sich in Malthus’ Bevölkerungstheorie nicht mehr der Optimismus des klassischen Liberalismus widerspiegelte, wonach das „freie Spiel der wirtschaftlichen Kräfte“ zu einem harmonischen Ausgleich aller gesellschaftlichen Interessen führe. Stattdessen wurde der pessimistische „Kampf ums Dasein“ zum Abbild des monopolistischen Verdrängungswettbewerbs auf mittlerweile kapitalistisch verzerrten Märkten. Darin kehrte Hobbes’ vorliberale Idee eines „Kriegs aller gegen alle“ in neuer Gestalt wieder zurück.

   Von daher stellt sich die Frage, ob der „Kampf ums Dasein“ als Ausdruck eines gesellschaftlichen Interessengegensatzes überhaupt geeignet ist, die Evolution der Pflanzen- und Tierwelt  -  geschweige denn der Menschenwelt!  -  angemessen zu beschreiben. Darwin war jedoch optimistisch, dass durch seine Erkenntnisse über die Evolution der Pflanzen und Tiere auch „Licht auf den Menschen und seine Geschichte fallen“ werde.[9] Zwar wusste er um die „Macht fortwährender Missdeutung“ und ahnte möglicherweise solche Missdeutungen der Evolutionstheorie bei ihrer Übertragung von der Biologie auf die Gesellschaftswissenschaften, aber er blickte „mit großem Vertrauen in die Zukunft“ und enthielt sich jeglicher Warnungen vor einem politischen Missbrauch seiner Erkenntnisse.[10]

   Zur selben Zeit wie Darwin formulierte auch Alfred Russel Wallace eine Evolutionstheorie, die in vieler Hinsicht mit derjenigen von Darwin übereinstimmte. Gegenüber dem materialistischen Verständnis der „natürlichen Auslese“ hatte Wallace jedoch ebenso Bedenken wie gegenüber der Auffassung, dass menschliche Charaktereigenschaften zwangsläufig vererbt werden. Wallace war ebenfalls von Malthus beeinflusst, aber den „Kampf ums Dasein“ fasste er mehr im Sinne von Spencer als „survival of the fittest“ auf. Außerdem nahm Wallace anders als der eher unpolitische Darwin Anstoß an den sozialen Ungerechtigkeiten der kapitalistischen Industriegesellschaft. Er sympathisierte mit den englischen Frühsozialisten um Robert Owen und lehnte insbesondere das Privateigentum am Boden als Ursache ungleicher Startchancen im wirtschaftlichen Wettbewerb ab.[11] Das brachte ihn in Verbindung mit dem Ökonomen John Stuart Mill, der der individualistischen Wettbewerbsgesellschaft anstelle des kapitalistischen ein soziales Gesicht geben wollte. Auf Betreiben von Mill übernahm Wallace die Leitung der englisch-irischen Landreformbewegung, in deren Zielen er einen Weg sah, den „Kampf ums Dasein“ auf der Grundlage von sozialer Gerechtigkeit zu zivilisieren und ihn im Sinne eines sozial nachgebesserten Liberalismus in ein „freies Spiel“ ökonomisch gleich starker Kräfte umzuwandeln.[12]

   Eine für die Rezeption der Evolutionstheorie in Deutschland wichtige Vorentscheidung fiel zwischen dem Mathematiker und Naturphilosophen Karl Snell und dem Zoologen Ernst Haeckel, die beide in Jena lehrten. In kritischer Distanz zu Darwins „Entstehung der Arten“ und noch vor dessen „Abstammung des Menschen“ stellte Snell eine ‚andere’ Evolutionstheorie über die „Schöpfung des Menschen“ (1863) auf. Zwar ging sie ebenfalls von der „Anerkennung des physischen Verwachsen- und Verschmolzenseins von Mensch und Tier“ aus, aber wegen der einzigartigen „sittlich-geistigen Natur“ des Menschen und seiner Begabung mit Vernunft stellte Snell die zwischen ihnen und den Tieren bestehende „unermessliche Kluft“ stärker in den Mittelpunkt. Er wandte sich auch gegen die „Vermischung der Dezendenztheorie mit der Selektionstheorie des Darwin“ und lehnte bei aller Anerkennung der „nicht zu leugnenden Allgemeinheit des Kampfes ums Dasein“ die „maßlose Überschätzung der natürlichen Zuchtwahl“ ab.

   Snells teleologische Evolutionstheorie wurde von den Kirchen nicht weniger bekämpft als Darwins Abstammungslehre. Sie geriet jedoch bald in Vergessenheit, wozu beigetragen haben könnte, dass „unsere Ansicht noch keineswegs so weit ausgebildet ist, dass sie auf alle Fragen eine ganz befriedigende und jedes Dunkel zerstreuende Antwort geben kann“.[13] Großen Einfluss erlangte stattdessen die Evolutionstheorie in ihrer materialistisch-monistischen Form, mit der Ernst Haeckel im Gegensatz zur vorsichtigen Zurückhaltung Darwins die Evolutionstheorie bewusst in einen Gegensatz zur christlichen Religion stellte, um damit die Macht der Kirche zu untergraben.  Durch dessen populärwissenschaftliches Buch „Die Welträtsel“ (1899) wurde Deutschland schließlich zum „Heimatland des Darwinismus“.[14] Für das gesellschaftliche Leben zog Haeckel andere Konsequenzen aus der Evolutionstheorie als Wallace. Ohne sozialreformerische Ambitionen ging er in seinem Buch „Die Lebenswunder“ (1904) von der Möglichkeit aus, auf der Grundlage der bestehenden kapitalistischen Industriegesellschaft durch eine „Vervollkommnung der Technik“ zu einem „vollkommenen Staatswesen“ und zu „höherer Kultur“ gelangen zu können. Und mit seiner Klage, dass „Hunderttausende von unheilbar Kranken … ohne Nutzen für sie selbst oder die Gesamtheit … künstlich am Leben erhalten“ werden, bahnte er dem späteren Übergang von Sozialdarwinismus, Eugenik und sog. Rassenhygiene in die Barbarei des Nationalsozialismus bereits den Weg.[15]

3     Von der Evolutionstheorie zum Sozialdarwinismus                                       [Übersicht]

   Spencers Sozialphilosophie und die Theorien von Darwin, Wallace, Haeckel und anderen über die biologische Evolution verbanden sich zum Sozialdarwinismus, der zum Inbegriff eines zunehmend unbarmherziger werdenden Kampfes der Menschen ums Dasein in der Gesellschaft und des Überlebens der Stärkeren wurde  -  bis hin zum Kampf nicht nur zwischen Menschen, sondern auch zwischen gesellschaftlichen Klassen, Völkern und Rassen. Im Gefolge des Glaubens der Aufklärung an die Naturwissenschaften und den technischen Fortschritt bestimmte der Sozialdarwinismus das geistige Klima in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, in der Philosophie, Anthropologie und Dichtung und auch in der Politik und in den sozialen Bewegungen.[16] Vergiftet wurde es noch zusätzlich durch Friedrich Nietzsches Eintreten für ein Recht des stärkeren „Übermenschen“ sowie für ein „Absterbenmachen der Kläglichen, Verbildeten und Entarteten“ und Maßnahmen zur Verhinderung der Zeugung „in Fällen, wo ein Kind ein Verbrechen sein würde“.[17] 

   Einen das Denken naturalisierenden und brutalisierenden Einfluss übte der Sozialdarwinismus in England und in den USA ebenso wie auf dem europäischen Kontinent aus. Die „politische Unbestimmtheit“ (Hannah Arendt[18]) von Darwins Evolutionstheorie begünstigte ihr Eindringen in alle Schichten der Gesellschaft und die Entstehung einer Vielfalt von unterschiedlichen Spielarten des Sozialdarwinismus. Gemäß einer Studie des Historikers Hans-Günter Zmarzlik ist „der Darwinismus für sehr verschiedenartige Deutungen sozialen Geschehens in Anspruch genommen worden. Auf ihn stützten sich Anhänger einer altruistischen Ethik, aber auch die Verkünder einer brutalen Herrenmoral. Auf ihn berief sich liberales Fortschrittdenken, aber ebenso ein krasser Geschichtsfatalismus. Ihn benutzten Vorkämpfer der sozialistischen Gleichheitsideen, aber auch die Programmatiker rassischer Ungleichheitslehren.“[19] Im Anschluss an Zmarzlik gelangte auch der Theologe Markus Vogt zu der Einschätzung, dass der Sozialdarwinismus keinesfalls eine geschlossene, sondern eine sehr „heterogene Theorie“ war: Er „spaltete sich in eine Unzahl unterschiedlicher Richtungen und Synthesen mit anderen Traditionen auf.“ Je nach dem ob ihre Verfechter mehr individualistisch oder mehr kollektivistisch orientiert waren, konnte sich der Sozialdarwinismus „mit ganz verschiedenen Traditionen, insbesondere im völkisch-nationalen Bereich, verbinden. … Der Sozialdarwinismus breitete sich aus als ein populäres Element einer eigenartigen Mischung von Wissenschaft, Pseudowissenschaft und politischer Propaganda.“[20] Damit übereinstimmend wäre es einer Studie des Historikers Hannsjoachim Koch zufolge eine „zu krasse Vereinfachung“, „würde man die aus dem Sozialdarwinismus hervorgegangenen zwei Haupttypen sozialer Interpretation übersehen. Innerhalb des einen Interpretationstypus waren Besserung und Sozialreform möglich, während der andere zum Konservativismus und zur Reaktion schlechthin tendierte.“[21]

   Schließlich war der Sozialdarwinismus auch für den Historiker Rolf Peter Sieferle ein „komplexes, in sich widersprüchliches Phänomen“ mit unterschiedlichen politischen Zielen. Dem konservativ-reaktionären „Sozialdarwinismus des Status quo“ standen der „linke Sozialdarwinismus“ der Arbeiterbewegung und andere Mischformen gegenüber, in die Gedanken von Lamarck, Spencer, Darwin, Wallace, Haeckel u.a. mit unterschiedlichen Anteilen Eingang fanden.[22] Beide Grundformen des Sozialdarwinismus leiteten ihre gesellschaftspolitischen Ziele aus der Evolutionstheorie ab. Konservative rechtfertigten die bestehende soziale Ungleichheit und Hierarchie als unabänderlichen Ausdruck eines von der Evolution vorgegebenen unerbittlichen Kampfes ums Dasein, während die Reformer die gesellschaftlichen Verhältnisse verändern wollten, um eine verbesserte Welt mit den Gesetzen der Evolution in Übereinstimmung zu bringen. „Die ganze Debatte zwischen Konservativen und Reform-Sozialdarwinisten drehte sich um die Frage, ob der Mensch Mittel oder sogar Opfer eines kosmischen Determinismus sei oder ob er mittels seines freien Willens seine Umwelt wenn nicht radikal, so doch zumindest graduell ändern könne.“[23]

3.1   „Linker Sozialdarwinismus“                                                                                [Übersicht]

   Schon bald nach dem Erscheinen von Darwins „Entstehung der Arten“ nannte Friedrich Engels dieses „ganz famose“ Buch einen „großartigen Versuch, historische Entwicklung in der Natur nachzuweisen“. Und Marx sah darin eine „naturwissenschaftliche Unterlage des geschichtlichen Klassenkampfes“ bzw. die „naturhistorischen Grundlagen für unsere Arbeit“.  Ein Exemplar des zweiten Bandes seines „Kapital“ (1880) sandte Marx an Darwin mit einer Widmung „Von einem aufrichtigen Bewunderer“. Ursprünglich wollte er die englische Ausgabe mit einer Widmung an Darwin versehen. Der aber interessierte sich nicht für Kapitalismuskritik und Klassenkampf.[24]

   Im „Kapital“ würdigte Marx Darwins „Entstehung der Arten“ nochmals als „epochemachendes Werk“ und machte die kapitalistische Produktionsweise für Degenerationserscheinungen wie die „physische und geistige Verkümmerung, vorzeitigen Tod“ innerhalb der Arbeiterschaft verantwortlich. Sie höhle „die Volkskraft an der Lebenswurzel“ aus und die „Degeneration der industriellen Bevölkerung (kann) nur durch beständige Absorption naturwüchsiger Lebenselemente vom Lande verlangsamt“ werden.[25] Mehr als an Darwin knüpfte Marx mit diesem Gedanken an Lamarck an, der den prägenden Einfluss der sozialen Verhältnisse auf die menschliche Evolution und die Vererbung von erworbenen Eigenschaften hervorgehoben hatte. Dadurch „verbreitete sich im sozialistischen Lager zunehmend eine lamarckistische Variante“ des Sozialdarwinismus. „Der Soziallamarckismus bot so eine biologisch-materialistische Begründung für sozialreformerische Maßnahmen aller Art, was ihn auf der Linken besonders attraktiv machte.“[26] Eine Veränderung des kapitalistischen Wirtschaftssystems ließ sich mit der Aussicht auf eine Verbesserung der Lebensverhältnisse als ein Fortschritt der gesellschaftlichen Evolution begründen. Als Folge davon würde die Gesundheit der arbeitenden Menschen einschließlich ihrer Kinder und Enkel gehoben und durch Selbsterziehung könnten sie sich allmählich von den deformierenden Einflüssen der kapitalistischen Produktion befreien.

   Bei aller Begeisterung für Darwin und den Gedanken, dass antagonistische Gegensätze die Entwicklungen sowohl in der Natur als auch in der Gesellschaft vorantreiben, erkannten Marx und Engels jedoch auch, dass die Evolutionstheorie auf dem fragwürdigen Fundament von Malthus’ Bevölkerungstheorie errichtet war.[27] Zudem lief ihr Ziel einer klassenlosen Gesellschaft auf das Ende eines gesellschaftlichen Kampfes ums Dasein hinaus.

   Von russischen Intellektuellen wurde Darwins „Entstehung der Arten“ als Waffe gegen die soziale Ungerechtigkeit sowie gegen die Macht der orthodoxen Kirche und des zaristischen Staates begrüßt. Allerdings stieß Malthus „Kampf“-Hypothese auch auf starke Widerstände, zum Beispiel bei Leo Tolstoi, der den Materialismus ablehnte und aufgrund seiner urchristlichen Überzeugung für Sozialreformen eintrat, u.a. für eine Bodenreform nach Henry George. Und der anarchistische Naturwissenschaftler Peter Kropotkin hob um 1900 die Bedeutung der „gegenseitigen Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“ für das Überleben im Kampf ums Dasein hervor.[28]

   Innerhalb der deutschen Arbeiterbewegung gewann der Gedanke einer geradezu komplementären Evolution von Natur und Gesellschaft mit einer naturnotwendig zu erwartenden Entwicklung zu einer sozialistischen Gesellschaft im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts durch Friedrich A. Lange, Moses Hess und besonders durch Karl Kautsky einen so großen Einfluss, dass für die Verbindung der Entwicklungsbegriffe von Darwin und Marx gar die Bezeichnung „Darwinomarxismus“ entstand.[29] Wenn es Darwin zufolge schon bei Bienen und Ameisen auch solidarische Verhaltensweisen gebe, so müssten sie -  wie Kautsky daraus ableitete  -  auch im gesellschaftlichen Kampf ums Dasein zu einer bewussten proletarischen Solidarität entwickelt werden. In der von ihm gegründeten sozialdemokratischen Zeitschrift „Neue Zeit“ trat Kautsky für eine Synthese von Darwinismus und Marxismus ein. In Anknüpfung an Marx’ Kritik an den von der kapitalistischen Produktionsweise verursachten Degenerationserscheinungen bei Proletariern griff Kautsky die eugenische Kritik auf, die die beiden zum Umfeld von Ernst Haeckel gehörenden Mediziner Wilhelm Schallmayer und Alfred Ploetz an den ungesunden Wohn- und Arbeitsverhältnissen des großstädtischen Industrieproletariats übten. Schallmayers Befürchtung einer „drohenden physischen Entartung der Kulturvölker“ und seine Gedanken über die „Vererbung und Auslese im Lebenslauf der Völker“ (so lauteten die Titel von zweien seiner Bücher) waren ebenso wie Ploetz’ Sorge um die „Tüchtigkeit unserer Rasse und der Schutz der Schwachen“ noch mit demokratisch-pazifistischen Denkweisen und mit der „Überzeugung von der Notwendigkeit des Übergangs zu einer sozialistischen Ordnung“ verbunden, wenngleich Ploetz bereits  Ausnahmen von dem Grundsatz der Gleichwertigkeit aller menschlichen Rassen machte.[30]

   In sozialistische Vorstellungen von einem ‚neuen Menschen’ flossen in Verbindung mit dem Glauben an einen gesellschaftlichen Fortschritt auch eugenische und rassehygienische Gedanken ein. Bei Kautsky enthielten sie bereits die Vorstellung, dass „kränkliche Individuen, die kranke Kinder zeugen können, auf die Fortpflanzung verzichten“  -  wobei Kautsky von einem freiwilligen Verzicht ausging und staatliche Zwangsmaßnahmen ablehnte. In dieser Form gewannen Sozialdarwinismus und Eugenik einen erheblichen Einfluss innerhalb der deutschen Sozialdemokratie. Sowohl ihr revisionistischer Flügel um Eduard Bernstein, der schrittweise durch demokratische Reformen zur sozialistischen Gesellschaft gelangen wollte, als auch ihr radikaler, eine proletarische Revolution anstrebender Flügel um August Bebel bedienten sich des Evolutionsgedankens.[31]

   Nachdem im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts „sozialistische Varianten des Sozialdarwinismus“ und der Eugenik eine große Rolle in der Gesellschaftskritik gespielt hatten, verschoben sich die politischen Gewichte seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts mehr und mehr nach rechts. Beispielhaft waren hierfür die Wandlung des Arztes Ludwig Woltmann von einem Vertreter des „Darwinomarxismus“ zu einem Rassisten, der den Kampf zwischen den Rassen an die Stelle des Klassenkampfes setzte, und Nordenholz’ Rechtfertigung der kapitalistischen Akkumulation als Vorteil im Kampf der Rassen ums Dasein.[32] Weingart, Kroll und Bayertz zufolge verstärkten sich konservativ-reaktionäre Varianten des Sozialdarwinismus und es trat ein „radikaler Richtungswechsel von einer progressiv-demokratischen zu einer reaktionär-‚aristokratischen’ Deutung des politischen Inhalts der Darwinschen Theorie durch eine Akzentverlagerung vom Prinzip der Evolution auf den Mechanismus der Selektion“ ein.[33]

3.2   „Sozialdarwinismus des Status quo“                                                                [Übersicht]

   Der konservative Sozialdarwinismus rechtfertigte die im Kampf ums Dasein auf monopolisierten Märkten entstandene soziale Ungleichheit als vorläufiges Ergebnis eines natürlichen Entwicklungsprozesses. Privates Geld- und Realkapital einschließlich des Bodens würden sich darin aufgrund der in unterschiedlichem Umfang ererbten Begabungen und Fähigkeiten in den Händen der Tüchtigsten anhäufen. Damit pervertierte der konservative Sozialdarwinismus die Vorstellung eines harmonischen Ausgleichs der gesellschaftlichen Interessen, den der klassische Liberalismus von der Freiheit der Märkte erhofft hatte und den der linke Sozialdarwinismus durch einen stärkeren Einfluss des Staates auf die Wirtschaft herbeiführen wollte, endgültig zu einer Ideologie der Herrschaft von Starken über Schwache.

   In den USA, wo der Marxismus nur wenig Widerhall in der Arbeiterbewegung fand, wehrte der einflussreiche Soziologe William Sumner sozialreformerische Bestrebungen als unzulässige Eingriffe in den „natürlichen Lauf der Dinge“ ab. Im Gegensatz zu der maßgeblich von Haeckel beeinflussten materialistischen Ausrichtung des deutschen Sozialdarwinismus verband Sumner die Evolutionstheorie mit dem Christentum in Gestalt der Prädestinationslehre zu einem „calvinistischen Darwinismus“, der das Überleben der ökonomisch Stärkeren im Kampf ums Dasein als Zeichen göttlicher Gnade und Auserwähltheit deutete.[34] Und der damals neben Rockefeller mächtigste Industrielle Andrew Carnegie rechtfertigte in einem Essay „Über den Reichtum“ (1889) die „großen Ungleichheiten in unserer Umwelt und die stärkere Konzentration von Wirtschaft, Industrie und Handel in den Händen weniger“. Sie stünden im Einklang mit den Gesetzen des Wettbewerbs und seien „wichtig für den künftigen Fortschritt der Rasse“. Unter Berufung auf Spencer und Darwin lehnte Carnegie soziale Reformen ab, weil sie „zum Überleben von Minderwertigen“ führen würden.[35]

   Dabei kamen Spencer in seinen späteren Lebensjahren Zweifel an der Übertragbarkeit der biologischen Evolution auf die menschliche Gesellschaft. Seine Mahnrufe kamen aber zu spät  -  ebenso wie die Warnungen des englischen Zoologen Thomas Huxley, der angesichts der sozialen Gegensätze 1894 in einer Vorlesung über Evolution und Ethik vom Sozialdarwinismus abrückte. Am deutlichsten erkannte etwa zur selben Zeit der nordamerikanische Bodenreformer Henry George die Fehler in Malthus’ Bevölkerungstheorie: „Der Zweck des Buches von Malthus war es, die bestehende Ungleichheit zu rechtfertigen, indem es die Verantwortung dafür den menschlichen Einrichtungen abnahm und sie auf die Gesetz des Schöpfers übertrug. … Armut, Not und Hungertod sind nach dieser Theorie weder der Gier Einzelner noch fehlerhaften sozialen Einrichtungen zur Last zu legen, sondern sie sind die unvermeidlichen Ergebnisse allgemeingültiger Gesetze, deren Anfechtung so hoffnungslos wäre wie die Anfechtung des Gravitationsgesetzes. … Der Hauptgrund des Triumphes dieser Theorie ist, dass sie, anstatt verbriefte Rechte zu bedrohen oder gegen machtvolle Interessen anzukämpfen, die Schichten unendlich beruhigt, die über die Macht des Reichtums verfügen und damit das Denken in hohem Maße beherrschen.“ Statt auf ein nicht zum Ausgleich zu bringendes Missverhältnis zwischen Bevölkerungswachstum und Nahrungsmittelproduktion führte Henry George Armut und Hunger auf ungerechte  -  und überwindbare!  - Verteilungsstrukturen im Laissez-faire-Kapitalismus zurück. In erster Linie dachte er an die Privilegien des privaten Bodeneigentums, die er durch die Einführung einer „Single Tax“ aufheben wollte. Damit wurde Henry George, dessen Bücher sowohl in den USA als auch in England und sogar bis nach Australien und Neuseeland eine weite Verbreitung fanden, zu einem der „auf beiden Seiten des Atlantiks in der angelsächsischen Welt bekanntesten Kritiker des Sozialdarwinismus.“[36]

   Trotz solcher Mahnungen konnte sich die konservativ-reaktionäre Variante des Sozialdarwinismus weiter ausbreiteten. Sie lieferte auch die nachträgliche Rechtfertigung des Kampfes einzelner Nationen um die Hegemonie innerhalb Europas sowie der imperialistischen Eroberungen und Völkermorde der europäischen Kolonialmächte in Übersee. Dabei wurden die sozialen Gegensätze innerhalb der einzelnen Nationen ideologisch überdeckt  - zuerst durch einen soziale Schichten übergreifenden gemeinsamen Hass auf konkurrierende Nachbarn innerhalb Europas und dann in einer weiteren Stufe durch eine angebliche Überlegenheit von Angehörigen der weißen Rasse gegenüber ‚primitiven Naturvölkern’ in Amerika, Afrika, Asien und Australien. In letzter Konsequenz der Bevölkerungstheorie von Malthus entstanden Rassentheorien, die den Weißen als Rechtfertigung dienten, sich in der übrigen Welt Land zu rauben und Arbeitskräfte zu versklaven bzw. indigene Völker zu ermorden, um im Kampf ums Dasein ihre Ernährung und die Steigerung ihres Wohlstands zu sichern.[37]

   Als einer der Wortführer des konservativ-reaktionären Sozialdarwinismus in Deutschland wandte sich der Anthropologe Otto Ammon mit seinem Schlagwort „Darwinismus gegen die Sozialdemokratie“  ausdrücklich gegen sozialreformerische oder sozialrevolutionäre Schlussfolgerungen aus der Evolutionstheorie. Ebenso wie englische und nordamerikanische Sozialdarwinisten zog auch Ammon sozialaristokratische Konsequenzen aus der Evolutionstheorie, indem er die gesellschaftliche Hierarchie aus einer biologisch determinierten Rangfolge von vererbten Fähigkeiten ableitete. In ähnlicher Weise warnte der Philosoph Alexander Tille, der nach seiner akademischen Tätigkeit die Geschäfte von Industrieverbänden führte, vor einer immer näher rückenden „Gefahr einer experimentweisen Verwirklichung der sozialistischen Ideen“.[38] Und ausgelöst durch eine Kontroverse mit dem Mediziner Rudolf Virchow verwahrte sich Ernst Haeckel gegen den Eindruck, dem Sozialismus nahe zu stehen. Die Evolutionstheorie sei geradezu das „beste Gegengift gegen den bodenlosen Widersinn der sozialistischen Gleichmacherei.“ In der Menschenwelt könne ebenso wie in der Pflanzen- und Tierwelt immer „nur eine kleine bevorzugte Minderzahl blühen, während die übergroße Mehrzahl darbt und elend zugrunde geht.“[39] Tilles und Haeckels aristokratisches Verständnis des Sozialdarwinismus trug maßgeblich zu seiner politischen Wendung nach rechts bei, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts und besonders nach dem Ersten Weltkrieg mehr und mehr zur Ausbreitung rassistisch-imperialistischer Varianten des Sozialdarwinismus führte.

3.3       Fließende Übergänge zwischen dem konservativen und dem reformerischen Sozialdarwinismus                                                                                                        [Übersicht ]

   Die beiden Grundformen des Sozialdarwinismus standen sich durchaus nicht als jeweils geschlossene Blöcke gegenüber. Im Laufe seiner politischen Wendung nach rechts, zu der Tille und Haeckel maßgeblich beitrugen, gab es in Deutschland und auch in anderen Ländern Mischformen wie zum Beispiel im Roman „The Iron Heel“ („Die eiserne Ferse“, 1908) des berühmten amerikanischen Dichters Jack London. Dessen Heldenfigur verkörperte sowohl sozialistische und demokratische Ideen als auch die Überzeugung einer vermeintlichen Weltmission sog. „nordischer Übermenschen“. Ebenso prophezeite der englische Dichter Herbert G. Wells zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine weitere „Vermehrung der englischen Rasse und die Ausbreitung der Angelsachsen und der englischen Kultur und Sprache“.[40] In der „Fabian Society“, der außer Wells auch George Bernhard Shaw angehörte, gab es „sozialistische Imperialisten“, die sich für soziale Reformen im Inneren einsetzten und zugleich das Großmachtstreben des Empire akzeptierten. In England und in den USA gab es ebenso wie in Deutschland Bestrebungen, die sozialen Gegensätze im Inneren nach dem Vorbild von Bismarcks Sozialgesetzgebung zu entschärfen, um die unteren Schichten vordergründig in das System der kapitalistischen Marktwirtschaft zu integrieren und ihre Unterstützung der kolonialimperialistischen Expansionen nach außen zu sichern. In diesem Ziel trafen sich konservative und sozialistische Intellektuelle wie Benjamin Kidd und Charles Pearson (letzterer war eng befreundet mit dem Eugeniker Francis Galton, einem Vetter Darwins), so dass zeitweise „Sozialreform und imperialistische Politik zwei Seiten derselben Münze“ wurden. Die sozialistische Fabian Society trat für Sozialreformen ein, auch um „einer weiteren Verschlechterung der Rassensubstanz vorzubeugen“. Es gab in ihr sogar Diskussionen über Heiratsverbote und Sterilisationen[41].

   Ebenso gab es innerhalb der deutschen Sozialdemokratie einschließlich der sozialistischen Frauenbewegung zwischen 1890 und 1933 ausgiebige Eugenik-Debatten über mehr als nur freiwillige Gesundheitszeugnisse, Ehe- und Sexualberatungen, Schwangerschaftsabbrüche und Sterilisationen als Maßnahmen zur ‚Perfektionierung’ des Menschen. „Auch unter Sozialisten fiel das promethische Zauberwort: ‚Hier sitz’ ich und forme Menschen!’“ Bereits Kautsky träumte von einer gesunden „Rasse von Übermenschen“. Nachdem sich Kautsky wie die meisten Sozialdemokraten anfangs noch überwiegend an Lamarcks Betonung der Umwelteinflüsse bei der lange vor 1933 schon so genannten „Entartung“ der Menschen durch Krankheiten, Alkohol und Kriminalität orientiert hatten, wandten sie sich mehr und mehr auch der Rolle zu, die der Vererbung von Krankheiten zugeschrieben wurde. Michael Schwartz stellte deshalb eine zwar ambivalente, aber dennoch „hochgradige Affinität“ zwischen Sozialismus und Eugenik fest. „Der Sozialismus öffnete seine Tore bereitwillig auch jener eugenischen Sozialtechnologie, die ihm als legitimes Kind der Moderne erschien“[42] und die er noch ohne Rassenhygiene in der Weimarer Republik zur politischen Anwendung bringen wollte. Der Sozialhygieniker Alfred Grotjahn setzte sich innerhalb der SPD schließlich dafür ein, „Minderwertige“ durch Zwangssterilisierungen von der Fortpflanzung auszuschließen.[43]

   In seiner Studie über den englischen und nordamerikanischen Sozialdarwinismus erinnerte Hannsjoachim W. Koch schließlich an die Rolle einer von 1870 bis 1890 anhaltenden Deflationskrise als Nährboden für die Ausbreitung sowohl von sozialistischen Theorien als auch ihrer Verbindung mit der naturwissenschaftlichen Evolutionstheorie zum Sozialdarwinismus.[44] In ähnlicher Weise könnten auch in Deutschland die nach dem Ende der sog. Gründerzeit um 1890 einsetzende und bis zum Ersten Weltkrieg andauernde Wirtschaftskrise und die internationale Konkurrenz um Absatzmärkte und koloniale Eroberungen dazu beigetragen haben, dass der Sozialdarwinismus mehr und mehr imperialistische und rassistische Formen annahm. Statt auf gesellschaftliche Ursachen wurden Degenerationserscheinungen nunmehr auf biologische Faktoren zurückgeführt, wodurch sich das To