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Moishe Postone ”Nationalsozialismus und Antisemitismus” Zusammenfassung von Alwine Schreiber-Martens

Der Ansatz von Postone ist die Untersuchung der spezifischen Aspekte des modernen Antisemitismus, der sich in der Naziideologie niederschlug. Aus seiner Sicht zeichnet sich der Holocaust durch seine  qualitative Besonderheit aus, nicht durch Quantität und Grausamkeit. Im Gegensatz zu Pogromen sei der Holocaust von wenig Emotionen geprägt gewesen und habe die Ausrottung um der Ausrottung willen zum Ziel gehabt. Die Erklärungsversuche, die sich auf Kapitalismus, Rassismus, Bürokratie, sexuelle Unterdrückung oder die autoritäre Persönlichkeit stützten, blieben viel zu allgemein.

Der Antisemitismus gehört für Postone seit jeher zur christlichen Zivilisation. Der moderne Antisemitismus entstehe im Europa des späten 19. Jahrhunderts, sei qualitativ neu und dürfe nicht mit dem täglichen jüdischen Vorurteil verwechselt werden. Er beinhalte traditionelle Elemente, wie z.B. die Vorstellung, die Juden hätten die Macht, Gott zu töten (religiöser Antisemitismus), aber auch neue Aspekte wie die Vorstellung, die Juden würden hinter Kapitalismus und Kommunismus stehen.

Zentral ist nach Postone die Vorstellung, die Juden hätten besondere Macht in quantitativer und qualitativer Hinsicht. Während der Rassismus den ”Untermenschen” eine konkrete, gewöhnliche, aber lediglich potentielle Macht zuschreibe, nämlich die Macht des Untermenschen, sei die Macht der Juden als wirklich anzusehen und viel größer. Diese Macht sei unheimlich und nicht fassbar, daher abstrakt. Sie sei nicht ”verwurzelt”, stehe hinter den Dingen (konspirativ) und sei nicht kontrollierbar. Die Juden seien aufgrund der ihnen zugeschriebenen Merkmale geeignete Träger dieser Macht (internationale Verschwörung). Sie stünden hinter den sozialen Umbrüchen der damaligen Zeit, hinter Kapitalismus und Kommunismus und gefährdeten die soziale ”Gesundheit” der Nation. Der moderne Antisemitismus sei säkular und beanspruche die Erklärung der Welt.

Postone stellt nun den historisch-materialistischen Zusammenhang von Antisemitismus und Nationalsozialismus her. Ausgangspunkt sei die rasche Industrialisierung und damit einhergehende soziale Umwälzung. Die Juden würden nicht mehr nur traditionell als Träger von Geld identifiziert (Horkheimer), sondern für die ökonomischen Krisen verantwortlich gemacht (aktive Herbeiführung), wahrgenommen als abstrakte Herrschaft des Kapitals in Gestalt des ”Internationalen Judentums”. Hier finde neben dem manichäischen Denken (Jude=böse) bereits eine Personifizierung des Abstrakten statt. Als Erklärung reiche aber Horkheimers Ansatz (Jude=Geld, Zirkulationssphäre) nicht aus, ebenso wenig das Konzept der ”Moderne”, das die Nicht-Verteufelung des Industriekapitals nicht erklären könne.

Die Erklärung liefert für Postone der Marx'sche Begriff des ”Fetischs”: der Unterschied zwischen Wesen und Erscheinungsform des Kapitalismus. Die Wahrnehmung bleibe in der Erscheinungsform verhaftet und verkenne die dahinter liegenden Verhältnisse. Die gesellschaftlichen Verhältnisse vergegenständlichten sich in der Ware. Sie erscheine aber lediglich als Gebrauchsgegenstand und verschleiere somit ihren ”Doppelcharakter” von Wert und Gebrauchswert. Die Wertseite der Ware spalte sich in Form des Geldes von der Ware ab, so dass die Ware nur noch (fälschlicherweise) dinglich erscheine. Das Geld übernehme die Wertseite der Ware (Manifestation des Abstrakten). Konkretes und Abstraktes stünden sich gegenüber (Antinomie). Das bürgerliche Denken hypostasiere das Abstrakte und verschleiere damit dessen historische und gesellschaftliche Dimension.

Nach Postone erscheint in Anlehnung an Marx das Kapital als selbst verwertender Wert mal als Ware, mal als Geld und ist ein abstrakter Prozess. Die biologische Auffassung dieses Prozesses führe aus dieser Sicht einerseits zu Sozialdarwinismus und Rassentheorien. Andererseits werde die Ware bzw. das industrielle Kapital aber losgelöst von diesem Prozess als materiell, konkret bzw. natürlich und gesund angesehen, als Fortsetzung des Handwerks, und daher nicht kritisiert. Die negativen Aspekte des Kapitals (parasitär, ungesund) würden nur in der abstrakten Seite (Finanz- und zinstragendes Kapital) gesehen und es komme zum ”einseitigen Angriff auf das Abstrakte”.

Das Abstrakte werde nun selbst wieder vergegenständlicht und biologisiert und erscheine in Gestalt der Juden bzw. des internationalen Judentums. Die Juden werden nach Postone nicht als konkrete Repräsentanten des Kapitals gesehen, sondern als Personifikation der Herrschaft des Kapitals. Die Charakteristika der Wertdimension werden den Juden zugeschrieben: Abstraktheit, Unfassbarkeit, Universalität, Mobilität. Die ”antikapitalistische” Revolte wurde zur Revolte gegen die Juden.

Warum die Juden? ”Die Juden hätten durch keine andere Gruppe ersetzt werden können.” Postone sieht eine Analogie zwischen dem Doppelcharakter der Ware und dem Gegensatz Privatperson (konkret) und Staatsbürger (abstrakt), der Ende des 19. Jahrhunderts aufkommt. Die Juden erfüllten nur die abstrakte Seite als Staatsbürger, aber würden nicht als Deutsche oder Franzosen wahrgenommen und als wurzellos, international und abstrakt angesehen.

Der moderne Antisemitismus als besonders gefährliche Form des Fetischs greife den Kapitalismus nur in der Form der Personifizierung an (”Hass auf das Abstrakte”) und werde so zum ”verkürzten Antikapitalismus”. Die Erlösung der Welt vom Kapitalismus sei dann die Erlösung der Welt von den Juden als abstrakter Wert (Entmenschlichung).

Einschätzung der Position Postones

Der Vorwurf der verkürzten Kapitalismuskritik hat in erster Linie einen ökonomischen Kern. Es geht um die ”richtige” Kritik am Kapitalismus. Der zentrale Unterschied zwischen dem Gesell’schen Gedankengut und dem von Marx ist die Frage, in welcher Kausalität Mehrwert und Zins zueinander stehen, also wo letztlich die Ursache für die Ausbeutung zu suchen ist.

Bei Marx ist die Warenanalyse der analytische Ausgangspunkt. Sie ist in der Antisemitismusdiskussion zentral (Doppelcharakter, Ware als Ausdruck der kapitalistischen Verhältnisse). Geld gilt nur als Ableitung von der Ware (!) und spielt eine untergeordnete Rolle. In diesem Sinne unterstützt der Marxismus das Tauschparadigma, ebenso wie auch die Neoklassik.

Der Marx'sche Geldbegriff ist aber widersprüchlich: Einerseits ist Geld die ”allgemeine Ware”, aber die Überlegenheit des Geldes über die Ware wird nur in Ansätzen gesehen und führt zu keiner weiteren theoretischen Konsequenz. An dieser Stelle besteht eine grundlegende Differenz zu Gesell.

Der Vorwurf der verkürzten Kapitalismuskritik gegenüber der Geld- und Bodenreform kann aber nur dann als folgerichtig akzeptiert werden, wenn die marxistische Sichtweise, nämlich dass die Ausbeutungsursache in der Produktionssphäre zu finden ist, vorher akzeptiert wird! Die Auseinandersetzung über verkürzte Kapitalismuskritik muss also zuerst auf der Sachebene der ökonomischen Auffassungen bei Gesell bzw. Marx und ohne den Antisemitismusvorwurf geführt werden.

Allerdings erscheint der “frühzeitige” Vorwurf des Antisemitismus – VOR Klärung der ökonomisch unterschiedlichen Sichtweisen – bei Postone und allen, die seiner Logik folgen, auch dazu geeignet, die Deutungshoheit über die Kapitalismuskritik generell für sich zu beanspruchen.

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