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SOZIALÖKONOMIE.INFO

Alexander Thanner:
Die Freigeldtheorie von Silvio Gesell | 1.0 bis 4.2

1.0. Einleitung
2.0. Die Thesen der Freigeldtheorie
3.0. Die Grundlagen der Freigeldtheorie
3.1. Die Geldtheorie von Marx
3.2. Die (Neo)-klassische Geldtheorie
3.3. Die Theoretische Grundlegung der Freigeldtheorie
4.0. Was ist Geld?
4.1. Das Schwundgeld
4.2. Das Freigeldexperiment von Wörgl
Anmerkungen zu 1.0 bis 4.2


1.0. Einleitung

Die deutsche Volkswirtschaft hat in den ca. 60 Jahren seit Kriegsende die Phase des Wiederaufbaus und der Aufschluss zu den großen Industrienationen hinter sich gebracht. Mit der vollzogenen Wiedervereinigung kann man die deutsche Volkswirtschaft wohl heute wieder als eine Vollentwickelte ansehen. Dieser Zustand wird jedoch, Ă€quivalent zu den anderen hochentwickelten Volkswirtschaften, in unseren Tagen von denkbar ungĂŒnstigen wirtschaftlichen Eckdaten begleitet. Geringes Wachstum, hohe Arbeitslosigkeit, niedrige Kapitalrendite und hoher Vermögensbestand bei sich gleichzeitig verstĂ€rkender Ungleichverteilung, trotz geringer Inflation, niedrigem Zins und hoher Exportquote. Dabei kann es sich um eine gewöhnliche Rezession handeln. Die kontinuierliche Abflachung der Konjunkturspitzen lassen aber auch Stimmen laut werden, die eine dauernde Stagnation vermuten, eventuell sogar mit deflationĂ€ren Tendenzen.
Den problematischen VerhĂ€ltnissen der realen ProduktionssphĂ€re steht ein rasant wachsendes Geldvermögen, eine weltweite immense Devisenspekulation [1] aber auch ein extrem anwachsender Schuldenberg gegenĂŒber.
Als Hauptursache dieser Entwicklung im monetĂ€ren Bereich wird von Einigen der Zinseszinseffekt benannt. Die konstante Verzinsung fĂŒhrt bei regelmĂ€ĂŸiger Wiederanlage der ErtrĂ€ge zu einem exponentiellen Wachstum der Geldvermögen, die dann auf der Suche nach Anlagemöglichkeiten den Kapitalstock ĂŒberproportional zur arbeitsvermittelten Produktion erhöhen, so die Renditen verderben und dadurch Investitionen verhindern. [2]
Damit nicht genug, wie im Beispiel des Weizenkorns auf dem Schachbrett, das bei Verdoppelung auf jedem Feld mit der 64. Wiederholung sĂ€mtliche Kornkammern und Kornproduzenten der Erde mit der Auszahlung ĂŒberfordert, sprengt exponentielles Wachstum, wenn nicht rechtzeitig eingegriffen wird, jedes natĂŒrlich begrenzte System. Wie eine Krebserkrankung durch exponentielles Zellwachstum am Ende den eigenen Organismus und damit sich selbst zerstört, wĂŒrde auch ein solchermaßen anwachsendes Kapital nach dem Verzehr der begrenzt verfĂŒgbaren Ressourcen das gesamte Wirtschaftssystem zusammenbrechen lassen, mit wahrscheinlich verheerenden Auswirkungen auf Mensch und Natur. [3]

Um diesem Prozess entgegen zu wirken und die, durch das KapitalĂŒberangebot, sinkende Kapitalrendite anzuheben, kommt es zu periodischen Kapitalzerstörungen.
Beispiele solcher Kapitalzerstörung sind der Abbau von Überinvestition in der Rezession, kapitalstockneutrale Großinvestitionen wie RĂŒstung und Weltraumfahrt, aber im Extrem auch Krieg und Stellvertreterkrieg. [4]
Wenn auch durch solche Maßnahmen die KontinuitĂ€t des exponentiellen Wachstums des Kapitals und der Zusammenbruch immer wieder aufgeschoben werden kann, so ist dies kein Rezept fĂŒr eine, spĂ€ter genauer zu beleuchtende, nicht weniger problematische Nebenwirkung des Zins- und Zinseszinssystems: Die stetige Umverteilung von dem Arbeitseinkommen Vieler zugunsten des arbeitslosen Vermögenseinkommens Weniger und damit die Gefahr zunehmender sozialer Spannungen in den Gesellschaften, die dieser Scherenentwicklung von Arm und Reich ausgesetzt sind. [5]

Die AnhÀnger der Freigeldtheorie vermuten nun die Hauptursache dieser beunruhigenden Entwicklung in unserem Geldsystem, das ihrer Meinung nach fehlerhaft ist und durch ein anderes ersetzt werden muss.
Dabei berufen sie sich auf den Verfasser der „NatĂŒrlichen Wirtschaftsordnug“: Silvio Gesell.
Dieser begrĂŒndet in seinem Werk, neben der Forderung einer Bodenreform auf die in dieser Arbeit nicht besonders eingegangen wird, die Notwendigkeit eines alternativen Geldsystems und unterbreitet gleichzeitig einen konkreten Vorschlag zu dessen Realisierung.
Diese s.g. Freigeldtheorie soll im Rahmen der vorliegenden Untersuchung dahingehend ĂŒberprĂŒft werden, ob sie sich als zutreffend und realistisch erweist, sich als Grundlage zur Entwicklung eines Instrumentes zur Stabilisierung der heutigen Wirtschaft eignet oder als Utopie auf unbestimmte Zeit zurĂŒckgestellt werden muss.

Vor der Auseinandersetzung mit seiner Freigeldtheorie sollten wir uns jedoch ansehen, wer dieser Silvio Gesell war und vor welchem Hintergrund er wirkte.

Silvio Gesell wurde 1862 in St. Veit/Eifel als eines von acht Kindern geboren. Nach einer kaufmĂ€nnischen Ausbildung, MilitĂ€rdienst und TĂ€tigkeit als Kaufmann wanderte er 1887 nach Argentinien aus und untersuchte die Ursachen der dortigen Wirtschaftskrise. 1892 veröffentlicht er seine ersten Schriften, z.B. „Die Reformation im MĂŒnzwesen als BrĂŒcke zum sozialen Staat“ und 1897 sein erstes Buch „Die Anpassung des Geldes und seiner Verwaltung an die BedĂŒrfnisse des modernen Verkehrs“. Nach seiner RĂŒckkehr nach Europa 1899 lebte er in der Schweiz, wo er die Werke von Smith, Marx, Proudhon, George und Fluerscheim studierte. Ab 1902 gibt er die Zeitschrift „Die Geld- und Bodenreform“ heraus. Nach einem weiteren Aufenthalt in Argentinien 1906 – 1911 siedelt er nach Eden bei Oranienburg um und wird, gemeinsam mit Georg Blumenthal, Herausgeber der Zeitschrift „Der Physiokrat“. Den ersten Weltkrieg verbringt Gesell auf seinem Bauerngut in der Schweiz, 1916 erscheint in Bern sein Hauptwerk „Die natĂŒrliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld“. 1919 fordert er in seiner Schrift „Abbau des Staates“ den Staat bis auf alles abzubauen „was nicht unbedingt von einem zentralen Gesichtspunkte aus geleitet werden muss“. Am 7. April 1919 wird Gesell zum Volksbeauftragten fĂŒr das Finanzwesen in der ersten Bayerischen RĂ€terepublik gewĂ€hlt. Nach dem Sturz der RĂ€teregierung am 13. April 1919 wurde er wegen Beihilfe zum Hochverrat angeklagt, jedoch freigesprochen. 1927 erscheint sein letztes Buch „Der abgebaute Staat“. Am 11. MĂ€rz 1930 stirbt Gesell in Eden. [6]

Trotz seiner Voraussagen von Inflation, Wirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit finden Gesells Ideen kaum Beachtung. Mit Ausnahme des 1921 von mehreren AnhĂ€ngergruppen gegrĂŒndeten „Freiwirtschaftsbund FFF“ wird er von den Parteien und Gewerkschaften seiner Zeit ignoriert. [7] Obwohl prominente Ökonomen wie Irving Fischer und J. M. Keynes, Gesell in ihren Werken ausdrĂŒcklich erwĂ€hnen und seine Ideen wĂŒrdigen, hat sich an der Nichtbeachtung seiner Theorie in der Wirtschaftswissenschaft bis heute nicht viel geĂ€ndert.
Das mag auch damit zusammenhĂ€ngen, dass die Freigeldtheorie sich weder in marxistische noch neoklassische Ideologien einfĂŒgen lĂ€sst und darĂŒber hinaus beide Paradigmen ausdrĂŒcklich ablehnt. Außerdem war Gesell eben Kaufmann und kein anerkannter Wissenschaftler. Das könnte begrĂŒnden, warum seine Theorien trotz ihrer NĂ€he zur keyensianischen Theorie auch von deren Vertretern bislang kaum erwĂ€hnt werden.

In Zeiten zunehmend erschwerter wirtschaftlicher VerhÀltnisse scheint es zumindest fraglich zu sein, ob man sich den Luxus weiter leisten sollte, eine Idee zu ignorieren, die eventuell dazu beitragen kann, einige drÀngende Probleme unserer Wirtschaft zu lösen.
Deshalb soll hier ein Anfang gemacht werden, die Freigeldtheorie auf ihre Problemlösungs-fĂ€higkeit hin zu ĂŒberprĂŒfen.

2.0.  Die Thesen der Freigeldtheorie

Im Folgenden sollen die Thesen der Freigeldtheorie vorerst unreflektiert vorgestellt und im Anschluss auf ihre Stichhaltigkeit ĂŒberprĂŒft werden.
Die Freigeldtheorie sieht im Zins die Hauptursache von Ausbeutung und Umverteilung. DarĂŒber hinaus entkoppelt er die Entwicklung der Wirtschaft von der realen Produktions-sphĂ€re und fĂŒhrt zu einem, durch das Anwachsen der Geldvermögen vermittelten, Wachstumszwang. Sie sucht daher einen Weg, den Zins zu ĂŒberwinden.
Die Kritik am Zins ist nicht neu, bereits Aristoteles bezeichnet den Zins als Geld vom Gelde und daher als die widernatĂŒrlichste Art der Erwerbskunst. [8] Zinsverbote sind auch aus den Weltreligionen bekannt und haben eine lange und wechselhafte Geschichte.
Da diese Zinsverbote aber regelmĂ€ĂŸig scheitern, soll die Ursache des Zinses ermittelt und aufgehoben werden, um so den Zins endgĂŒltig zu ĂŒberwinden.
Im Gegensatz zu Marx behauptet nun Gesell, der Zins entsteht völlig unabhÀngig vom Privateigentum an den Produktionsmitteln, viel mehr entspringt er schon immer direkt aus dem Geldsystem. [9]
Geld ist gegenĂŒber den Waren durch seine Wertaufbewahrungsfunktion im Vorteil und steht damit nicht unter einem Ă€quivalenten Angebotsdruck. Der Geldbesitzer kann jederzeit den Austausch mit Waren verweigern und fĂŒr den Verzicht auf diese Verweigerung vom Warenbesitzer eine VergĂŒtung bzw. Zins erpressen. [10]
Dieser Vorteil des Geldes soll nun durch die EinfĂŒhrung einer neuen Geldform mit einer alternativen Umlaufsicherung aufgehoben werden. Mit der regelmĂ€ĂŸigen Kaufkraftminderung von Bargeld, dem s.g. Schwund, wird das Geld den verderblichen Waren angepasst und so zu einem Ă€quivalenten Tauschmittel mit Weitergabezwang gemacht. [11] Durch diesen Kunstgriff wird GeldzurĂŒckhaltung (Hortung) und Zinsforderung unsinnig.
Da der Zins bisher auf die Preise ĂŒberwĂ€lzt wurde, wird die so vom Zinsdruck befreite Arbeit und Produktion zu einem beschleunigten Anwachsen des Kapitalstocks fĂŒhren und dadurch den Zins zusĂ€tzlich auf einen Wert um Null drĂŒcken. [12]
Geldhortung, also der Entzug von Geld aus dem Wirtschaftskreislauf zur Aufbewahrung bei den einzelnen Wirtschaftssubjekten, z.B. aus spekulativen GrĂŒnden, ist fĂŒr die Freigeldtheorie die Hauptursache einer unzureichenden Geldmengensteuerung der Zentralbanken. Da es mit Schwundgeld zu keiner Hortung mehr kommt kann die Geldmenge nun optimal den realwirtschaftlichen BedĂŒrfnissen angepasst werden. Inflation und Deflation als Ausdruck des Ungleichgewichtes von Geldmenge und Sozialprodukt gibt es nicht mehr. [13]
Damit gehören auch die Konjunkturzyklen, ausgelöst durch den „Streik des Geldes“ bei ĂŒberinvestitionsbedingtem RĂŒckgang der Renditen, der Vergangenheit an. [14]
Der jetzt nur vom Volkseinkommen bestimmte und grundsÀtzlich unbeschrÀnkte Warenabsatz ermöglicht VollbeschÀftigung bei steigenden Löhnen im VerhÀltnis des allmÀhlich absinkenden Mehrwerts. [15]
Die Wirtschaft kann sich, ohne zinsvermittelten Wachstumsdruck, lediglich orientiert an den steigenden Produktions-, Arbeits- und Einkommensvolumen entwickeln.
Auf diese Weise wĂ€re der Weg frei fĂŒr die von der Freigeldtheorie propagierte „Marktwirtschaft ohne Kapitalismus“.

Angesichts solcher behaupteten Problemlösungskompetenzen wĂŒrde die Freigeldtheorie tatsĂ€chlich zu einer neuen Wirtschaftsordnung fĂŒhren, in der die meisten unserer heutigen Probleme, einschließlich der ökologischen, nicht mehr existieren. Ob die Freigeldtheorie diese Versprechen einlösen kann, wird davon abhĂ€ngen, ob die InstabilitĂ€t der Wirtschaft wirklich allein aus der GeldsphĂ€re erklĂ€rt werden kann und, wenn dem so ist, ob der Fehler im Geldsystem tatsĂ€chlich durch die EinfĂŒhrung eines neuen Tauschmittels behoben wird.

3.0. Die Grundlagen der Freigeldtheorie

Gesell bezieht sich ausdrĂŒcklich auf den, seinen Eigennutzen verfolgenden, „Homo öconomicus“ als Objekt seiner „NatĂŒrlichen Wirtschaftsordnung“. Er will den Menschen in dem Zustand belassen, in den ihn die historische Entwicklung versetzt hat, darauf bezieht sich auch das Adjektiv „NatĂŒrlich“. Weiterhin vertraut er auf den unverfĂ€lschten Wettbewerb, fĂŒr den er aber noch die Herstellung völliger Ausstattungsgerechtigkeit fordert. Der dann zwangslĂ€ufig eintretende wirtschaftliche Erfolg dieser Gesellschaft ermöglicht ihr erst SchwĂ€chere zu unterstĂŒtzen. [16]
Grundlage der Ausstattungsgerechtigkeit ist fĂŒr ihn die Arbeitskraft des Einzelnen. Kapitalbesitz durch Erbschaft oder Schenkung sowie arbeitslose Zinseinkommen sind dagegen wettbewerbsverzerrend. Von Proudhon ĂŒbernimmt er deshalb die These, dass unbehinderte Arbeitskraft den Kapitalstock in relativ kurzer Zeit bis zu einem Punkt erhöhen kann, an dem die Knappheit des Kapitals soweit aufgehoben ist, dass es jederzeit fĂŒr jeden zur VerfĂŒgung steht, ohne einen Zins bezahlen zu mĂŒssen. Vorher muss aber das Geldsystem dahingehend verĂ€ndert werden, dass es dem Geldbesitzer keinen Vorteil gegenĂŒber dem Warenproduzenten einrĂ€umt und damit das Kapital keine Überlegenheit gegenĂŒber der Arbeitskraft hat. [17]
Von Marx ĂŒbernimmt er dessen Arbeitswerttheorie: „Ein Gebrauchswert oder Gut hat also nur einen Wert, weil abstrakt menschliche Arbeit in ihm vergegenstĂ€ndlicht oder materialisiert ist.“ [18] Er erkennt auch ein AusbeutungsverhĂ€ltnis von Kapital und Arbeit, fĂŒhrt es aber nicht, wie Marx, auf die ungleiche Allokation der Produktionsmittel zurĂŒck sondern mit Proudhon auf „die Übermacht im Geld“. [19]
Die Marxsche Äquivalenztheorie des Geldes lehnt Gesell jedoch völlig ab, ebenso wie die GoldwĂ€hrungstheorie der Klassik. Die klassische QuantitĂ€tstheorie hingegen wird zu einem Grundstein der Freigeldtheorie.
Die Verneinung eines jeglichen „Inneren Wertes“ von Geld macht Gesell zu einem frĂŒhen BefĂŒrworter eines gesetzlich verankerten und durch das Sozialprodukt gedeckten Papiergeldes ohne die damals verbreitete Golddeckung.

3.1.  Die Geldtheorie von Marx

Gold ist fĂŒr Marx das Material fĂŒr den Wertausdruck der Waren, stellt aber vor allem ein allgemeines Maß der unterschiedlichen Warenwerte dar. Diese Eigenschaft, die „Waren als Werte vergegenstĂ€ndlichte menschliche Arbeit“ durch seinen konstanten, den Waren, weil ebenfalls Erscheinungsform von Arbeitszeit, Ă€quivalenten Eigenwert als Maßstab zu dienen, sie untereinander Vergleichbar und damit Austauschbar zu machen, macht Gold erst zu Geld. [20] Ideell kann dadurch der Tauschwert einer beliebigen Ware in einer Geldsumme ausgedrĂŒckt und unabhĂ€ngig von Zeit und Ort mit einem ebenfalls in einer Geldsumme bemessenem Tauschwert einer ganz anderen Ware verglichen werden. So wird es möglich fĂŒr z.B. Eisen und Weizen ein in Geld ausgedrĂŒcktes AustauschverhĂ€ltnis festzulegen, zu dem sich ein indirekter geldvermittelter Tausch ergibt. [21]
Der Austausch selbst vollzieht sich als Metamorphose in dem bekannten Formwechsel:
W - G - W. Die Ware ist reell Gebrauchswert. Der ideell im Preis ausgedrĂŒckte Warenwert geht auf das Gold als dessen reelle Wertgestalt ĂŒber, wobei das Gold selbst nur das Wertmaterial des Geldes ist. Das Geld wiederum ist reeller Tauschwert, als solcher wird er in einem zweiten Schritt auf eine andere Ware ĂŒbertragen und in dieser wieder in reellen Gebrauchswert zurĂŒckverwandelt. [22]
Geld ist „Geldware“ und dient also gleichermaßen als Wertmaßstab und Zirkulationsmittel.
Gleichzeitig ist Gold, aufgrund seiner FĂ€higkeit „die Ware als Tauschwert oder den Tauschwert als Ware“ festzuhalten, durch seine Wertaufbewahrungsfunktion auch Schatz-form. Obwohl Marx den klassischen Widerspruch des Geldes, gleichzeitig Wertaufbewahrungsmittel und Tauschmittel in einer Doppelrolle zu verkörpern, bemerkt, hĂ€lt er die Schatzbildung als Ausgleichsreservoir fĂŒr den schwankenden Geldbedarf der Warenzirkulation fĂŒr unbedenklich. [23]
Ausgehend von der WertidentitĂ€t des Goldes mit den Waren, das durch Wertmaß- u. Zirkulationsfunktion zum Geld wird und als „ allein adĂ€quates Dasein des Tauschwerts“ den bloßen Gebrauchswerten der Waren gegenĂŒber tritt, beurteilt Marx VorschlĂ€ge fĂŒr ein, nicht wenigstens goldgedecktes, gesetzlich garantiertes Papiergeld Ă€ußerst skeptisch und vermutet dahinter einen Betrugsversuch des Staates. [24]

Marx setzt, Àhnlich wie die klassische QuantitÀtstheorie, die Geldmenge in Bezug zum VerhÀltnis von nominalem Sozialprodukt und der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes, [25]
zieht daraus jedoch völlig andere SchlĂŒsse wie diese. WĂ€hrend die QuantitĂ€tstheorie das Preisniveau in AbhĂ€ngigkeit zur exogen festgelegten Geldmenge sieht, werden die Preise fĂŒr Marx ausschließlich in der realen WirtschaftssphĂ€re und hier besonders durch das VerhĂ€ltnis von Angebot und Nachfrage bestimmt. Nur als Negativbestimmung kann der Mangel an Geld zu Stockungen im Produktions- u. Zirkulationsprozess fĂŒhren. [26]

3.2. Die (Neo)-klassische Geldtheorie

Auch fĂŒr die Neoklassik ist Geld vor allem Warengeld. Gold u. Silber, Banknoten oder Wechsel wurden ĂŒberwiegend nicht zur Geldmenge gezĂ€hlt. Es dient ebenfalls als Zahlungsmittel und Wertmaßstab. Neben der Rechenmittelfunktion existiert aber lediglich das Transaktionsmotiv fĂŒr die Kassenhaltung. Eine ĂŒber die Funktion als Zahlungsmittel hinaus- gehende, eigenstĂ€ndige Wertaufbewahrungsfunktion und damit verbunden eine Geldhortung, wird wegen der IrrationalitĂ€t eines Zinsverzichtes verneint. Ein Kernbestandteil der neoklassischen Geldtheorie ist die „NeutralitĂ€t des Geldes“, wonach Geld keinerlei Einfluß auf das reale Geschehen in der Volkswirtschaft hat, sondern lediglich einen „Schleier“ ĂŒber die realen VorgĂ€nge legt. [27]

Die klassische Theorie geht damit von einer Dichotomie zwischen realem und monetĂ€rem Sektor aus, die sich gegenseitig nicht beeinflussen. Zur ErklĂ€rung verbleibt allein das Preisniveau, als Durchschnittspreis der GĂŒter, das deren AustauschverhĂ€ltnis zum Geld angibt. Folglich können die Geldpreise durch das Zusammentreffen von Geldangebot und Geldnachfrage auf einem „fiktiven Geldmarkt“ bestimmt werden. [28] Zum Ausdruck kommt diese Annahme in der QuantitĂ€tstheorie und zunĂ€chst in der s.g. Cambridgegleichung:
M = k * Yr * P Âș  M * 1/k = Yr * P
Wobei die durchschnittliche Kassenhaltungsdauer des Geldes (k) und das reale Sozialprodukt exogen vorgegeben sind. Somit verbleibt nur noch die, ebenfalls exogen, von der Zentralbank festgelegte Geldmenge (M) als BestimmungsgrĂ¶ĂŸe des Preisniveaus (P).
Es kommt somit auf dem „fiktiven Geldmarkt“ zu einem Gleichgewicht des Geldangebots
M * 1/k und der Geldnachfrage Yr * P. [29]

Irving Fisher definierte den reziproken Wert der Kassenhaltungsdauer (1/k) als Umlaufgeschwindigkeit (v) und kommt so zur bekannten QuantitÀtsgleichung:
M * v = Yr * P
Der verhaltenslogische Faktor der Geldnachfrage, die durchschnittliche Kassenhaltungsdauer der Wirtschaftssubjekte (k), wird damit durch den mechanistischen Begriff der Umlaufgeschwindigkeit (v) ersetzt und als konstanter Faktor eingefĂŒhrt. [30]
Daraus folgt der zentrale Satz der QuantitÀtstheorie:
„Durch die vorgegebenen realen GrĂ¶ĂŸen v und Yr und der festzulegenden Geldmenge wird das Preisniveau bestimmt. Änderungen der Geldmenge schlagen sich allein in PreisniveauĂ€nderungen nieder und beeinflussen nicht die realen GrĂ¶ĂŸen.“ [31]

3.3.  Die Theoretische Grundlegung der Freigeldtheorie

Aus den beiden, eben beschriebenen Paradigmen, stellt sich Gesell nun die theoretische Grundlage seiner Freigeldtheorie zusammen. Von Marx ĂŒbernimmt er die Arbeitswertlehre und das AusbeutungsverhĂ€ltnis, lehnt die Geldwerttheorie aber vehement ab. Vielleicht, weil die darin abgeleitete Ablehnung von nicht goldgedecktem Papiergeld, der Unbedenklichkeit privater Geldhortung und der Preisentwicklung aus der realen SphĂ€re nicht in sein GedankengebĂ€ude passt?

Konkret hat Gesell aber der Wertlehre nicht viel Greifbares entgegenzusetzen. Er begnĂŒgt sich damit, sie als zu abstrakt zu bezeichnen und ihre mangelnde empirische Evidenz zu bemĂ€ngeln, da die Wirtschaftssubjekte nichts von der Wertlehre wissen mĂŒssen, um erfolgreich ihren GeschĂ€ften nachzugehen. Er setzt jeglicher Geldwertlehre seine eigene Beobachtung entgegen: Der Preis beruht auf einer SchĂ€tzung, die sich aus dem VerhĂ€ltnis von Angebot und Nachfrage ergibt. [32] Die Zeit scheint aber Gesell, zumindest bei der Geldform, Recht zu geben. Die aus seiner Beobachtung extrapolierte Vorstellung von einem funktionierenden Papiergeld, das außer einer gesetzlichen Garantie keinen „inneren Wert“ benötigt und lediglich durch den produzierten Warenberg einer Volkswirtschaft gedeckt ist, hat sich in den fĂŒhrenden Industrienationen wĂ€hrend des 20. Jahrhunderts durchgesetzt und bewĂ€hrt.

Trotz der damit gleichermaßen abgelehnten Goldstandardtheorie der Neoklassik ĂŒbernimmt Gesell die klassische QuantitĂ€tstheorie, wobei er sich aber der „NeutralitĂ€t des Geldes“ verschließt und sich stattdessen dem direkten Zusammenhang von Geldmenge, Umlaufgeschwindigkeit, Preisniveau und Sozialprodukt widmet.
Bis heute gehen die Vertreter der Freigeldtheorie von einem natĂŒrlichen Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage am GĂŒtermarkt aus. Dieses kann nur durch eine, an das Sozialprodukt, unangepasste Geldmenge oder durch den Entzug nachfragewirksamer Zahlungsmittel durch private Geldhortung gestört werden. Das Geldsystem ist daher dahingehend zu Ă€ndern, dass Geldhortung verhindert wird, um die Umlaufgeschwindigkeit konstant zu halten und die Geldmenge anpassbar an das Sozialprodukt zu machen. Durch die Konzentration auf die GeldsphĂ€re als alleiniger Verursachungsort wirtschaftlicher Störungen, ist die Freigeldtheorie extrem auf die Konsistenz der QuantitĂ€tstheorie angewiesen, man kann sagen, sie steht und fĂ€llt mit ihr.

Gesell selbst entgeht dieser Frage, indem er fĂŒr das bestehende Geld reklamiert, dass hier das Geldangebot nicht vom Geldvorrat abhĂ€ngt. Anders als bei Waren, deren Preis durch Angebot und Nachfrage bestimmt werden und das Angebot gleich dem Vorrat ist, gibt es diese Übereinstimmung beim Geld nicht. Durch Hortung kann das Geldangebot vom Geldbestand verschieden sein und der entstehende Preis des Geldes ist nur scheinbar im Gleichgewicht. Daher ist fĂŒr Gesell die „Übertragung der rohen QuantitĂ€tstheorie auf das Geld nicht statthaft.“ [33]
Erst das von Gesell geforderte Freigeld stellt das Gleichgewicht von Geldangebot und Geldvorrat her und verifiziert damit die QuantitĂ€tstheorie, die doch bereits fĂŒr die Konsistenz der Freigeldtheorie von so großer Bedeutung ist. [34]

4.0. Was ist Geld?

Da es eine Vielzahl von Gelddefinitionen, -begriffen, u. -formen gibt, man bedenke nur die drei unterschiedenen Geldmengen M1, M2, M3 der Bundesbank, wollen wir uns im weiteren der freigeldtheoretischen Definition anschließen, nach der nur Geldformen mit einem direkten Nachfragepotential, also Bargeld und Giralgeld durch Scheck und Kreditkarte, als Geld bezeichnet werden. [35]

Bereits Aristoteles beschreibt den Übergang von der Urtauschgesellschaft zur Arbeitsteilung höher entwickelter Gesellschaftsformen, in welchen die Tauschpartner örtlich getrennt nicht mehr notwendigerweise zusammentreffen. Daher wird ein von allen anerkanntes Medium als allgemeines Tauschmittel benötigt, das Geld. [36] Geld kann jedes Gut sein, auf das man sich einigt. Wegen ihrer MobilitĂ€t, der einfachen Einteil- u. AbwĂ€gbarkeit und Handlichkeit wĂ€hlte man Edelmetalle, wie Silber und Gold, die spĂ€ter zur nochmaligen Vereinfachung geprĂ€gt und dadurch mit Werteinheiten versehen wurden. [37]

Das Geld hat seinen Wert also nicht von Natur aus, sondern durch Übereinkunft und Kraft Gesetz, es kann daher auch verĂ€ndert und aus dem Umlauf gezogen werden. [38]
Eine Tatsache, die von den AnhĂ€ngern des Goldstandards vehement bestritten wird. Gesell versucht, noch aufwendig abzuleiten, dass Papiergeld nicht notwendig durch Gold gedeckt sein muss, sondern eine gesetzliche Garantie ebenfalls diese Deckung ĂŒbernehmen kann. Eine Ansicht, die heute wohl in der Praxis belegt sein dĂŒrfte.
Unser heutiges Geld hat aber vom Gold seine Doppelrolle als Tauschmittel und gleichzeitiges Wertaufbewahrungsmittel geerbt.
In diesem fĂŒr die Freigeldtheorie zentralen Punkt stellt Gesell heraus, dass Geld neben seiner öffentlichen Funktion als allgemeines Tauschmittel, dass den Fluss der Waren ermöglicht, gleichzeitig auch eine private Funktion als Ware, die privat angeeignet werden kann, beinhaltet. Dieser private Charakter des Goldes steht im Widerspruch zu seiner öffentlichen Tauschmittelfunktion und ermöglicht die Hortung, durch die das Gold dem gesamt-wirtschaftlichen Kreislauf entzogen werden kann. In Bezug auf diese WidersprĂŒchlichkeit sind Gold und Geld identisch. [39]
Ebenso wie Gold ist Geld kein Äquivalent zu den Waren, gegen die es eingetauscht werden soll, im Gegenteil, es ist den meisten Waren ĂŒberlegen und zwar dadurch, dass es unverderblich ist. Fast alle Waren verderben, verfaulen, verrotten, veralten mehr oder weniger schnell im Laufe der Zeit. DarĂŒber hinaus verursachen sie Lager- und Pflegekosten. Gold bzw. Geld verursacht hingegen so gut wie keine, von Keynes so bezeichneten, „Durchhaltekosten“. [40]
Um diese Kosten so gering wie möglich zu halten, ist der Produzent darauf bedacht, seine Waren so schnell als möglich zu verkaufen. Die Waren stehen also unter einem Angebotsdruck. Diesen kennt das Geld nicht, es kann jederzeit vom Tausch zurĂŒckgehalten werden um fĂŒr seinen Besitzer einen Vorteil zu erwirken. Das Geld kann also im Gegensatz zu den Waren streiken, daher ist das Geld im Vorteil gegenĂŒber den Waren. [41]
EingeschrÀnkt wird diese Streikmöglichkeit des Geldes lediglich durch die Geldentwertung der Inflation. Die Zinshöhe wird nach oben hin durch alternative Tauschmittel, wie z.B. der Wechsel, begrenzt. Der Kreditwettbewerb hat aber keinen Einfluss auf die Zinshöhe. [42]
Verzichtet der Geldbesitzer auch auf Zinszahlungen fĂŒr das Verleihen, eine Möglichkeit, die Keynes gegen die neoklassische Position u.a. durch das von ihm begrĂŒndete Spekulationsmotiv als rationale Entscheidung von Wirtschaftssubjekten abgeleitet hat, [43] kann es zu einer Hortung des Zahlungsmittels kommen. ZurĂŒckgehaltenes Geld besitzt also einen „LiquiditĂ€tsvorteil“, ein Begriff, der in den 30er Jahren von Keynes geprĂ€gt wurde. [44]
Ein weitere nachfragewirksame Geldform ist das Buchgeld auf Girokonten, ĂŒber das z.B. mit Scheck und Kreditkarte direkt, durch GuthabenĂŒbertragung, [45] verfĂŒgt wird. Diese Geldform hat sich im Laufe des 20. Jahrhunderts zunehmend entwickelt.

Dem gegenwĂ€rtigen Geld kommen somit zwei Eigenschaften zu, die fĂŒr die Freigeldtheorie sehr problematisch sind. Es kann ohne nennenswerten Verlust gehortet und so dem Wirtschaftskreislauf entzogen werden, ohne selbst unter einem Angebotszwang, wie die Waren, zu stehen und durch die Streikmöglichkeit muss das Geld durch Zinszahlungen ĂŒber Kredite auf den Kapitalmarkt zurĂŒckgelockt werden.

4.1. Das Schwundgeld

Wie bereits erwĂ€hnt, entstehen fĂŒr die Freigeldtheorie die meisten Probleme unserer Wirtschaft, z.B. der stĂ€ndig wachsende Bestand an Geld- u. Sachvermögen sowie die zunehmend ungerechte Verteilung von Einkommen und Vermögen und der Zwang zu wirtschaftlichem Wachstum, aus der UnzulĂ€nglichkeit des gegenwĂ€rtigen Geldsystems. So kommt Gesell zu einem verblĂŒffend einfachen Vorschlag, der alle diese Probleme zwar allmĂ€hlich, aber unaufhaltsam, lösen soll.
Anstatt eines, mit dem LiquiditĂ€tsvorteil ausgestatteten Geldes, das durch Zinszahlungen im Umlauf gehalten wird, um nicht durch Hortung der Nachfrage entzogen zu werden, soll dem nachfragewirksamen Bar- u. Giralgeld eine LiquiditĂ€tsgebĂŒhr auferlegt werden, wenn es vom Umlauf zurĂŒckgehalten wird. Diese GebĂŒhr soll dann der Allgemeinheit zugute kommen. Vergleichbar mit dem „Standgeld“ unentladener Eisenbahnwaggons wird das Geld mit den gleichen „Durchhaltekosten“ belegt, wie die Waren. [46] Es verliert dadurch seinen Vorteil gegenĂŒber diesen, steht ebenfalls unter dem Angebotszwang und wird dadurch ein „echtes“ Ă€quivalentes Tauschmittel. [47]
Um den Kosten der Geldhaltung zu entgehen, wĂŒrde nicht direkt fĂŒr Konsum verwendetes Geld, auch bei niedrigen Zinsen, als Kredit verliehen werden und somit konstant die Mittel fĂŒr Investitionen zur VerfĂŒgung stellen. [48]
Die Höhe der RĂŒckhaltegebĂŒhr soll 1/1000 des Geldwertes wöchentlich betragen, also 5,2% im Jahr. [49] Aufgrund der Zinsfreiheit nannte Gesell sein Zahlungsmittel „Freigeld“. [50]
In der Praxis soll das Freigeld als Papiergeld in StĂŒckelung von 1 – 1000 Mark ausgegeben werden. Die Scheine haben auf der RĂŒckseite 12 Felder, in die der Inhaber jeden Monat Wertmarken, in der Höhe der RĂŒckhaltegebĂŒhr, einklebt. Die Marken in StĂŒckelung von 1 – 50 Pfennig sind gleichzeitig der Ersatz fĂŒr Kleingeld. Fehlende Marken lassen den Wert des Scheins in entsprechender Höhe schwinden, daher bezeichnet Gesell dieses Zahlungsmittel auch als Schwundgeld. [51]
Die Gesamtgeldmenge soll dem jeweiligen Sozialprodukt angepasst werden. Dies ist jetzt problemlos möglich, da es keine Hortung mehr gibt. Geldmengenerhöhung erfolgt durch nicht steuerfinanzierte Staatsausgaben. Die Geldmengenverringerung besorgt der Schwund entweder automatisch oder die abgelaufenen Geldscheine werden nur teilweise ersetzt. [52]

Das Ergebnis steht fĂŒr Gesell zweifelsfrei fest: „Mit dem Freigeld ist die Nachfrage nicht mehr von Geld zu trennen, sie ist nicht mehr als eine WillensĂ€ußerung seiner Besitzer zu betrachten. Das Freigeld ist kein Mittel zur Nachfrage, sondern ist an sich diese Nachfrage, die fleischgewordene Nachfrage, die als Körper dem Angebot entgegentritt, das seinerseits auch nie etwas anderes war und ist.“ [53]

Die Vertreter der neueren Freigeldtheorie schließen Giralgeld durch Korrekturbuchung auf den Konten zum Stichtag ein und unterbreiten alternative Schwundgeldformen, wie z.B. ein kostenpflichtiger Zwangsumtausch. Heute wird in erster Linie eine „LiquiditĂ€tssteuer“, also eine laufende Verrechnung, auf nachfragewirksame BuchgeldbestĂ€nde, Ă€hnlich der Zinsabschlagssteuer, diskutiert. [54] FĂŒr Bargeld soll nach Creutz eine gesetzliche Weitergabepflicht in Verbindung mit angedrohtem Zwangsumtausch einzelner GeldscheinstĂŒckelungen genĂŒgen. [55]

4.2. Das Freigeldexperiment von Wörgl

1932, auf dem Höhepunkt der deflationĂ€ren Weltwirtschaftskrise, beschloss der Wohlfahrtsausschuß der Tiroler Gemeinde Wörgl die Ausgabe eines Notgeldes, das nach den Prinzipien der gesellschen Freigeldlehre mit einem periodischen Schwund behaftet war. Die s.g. „ArbeitsbestĂ€tigungen“ wurden in Papierscheinen zu 1, 5, 10 ÖS mit einem Gesamtwert von 12.000 ÖS ausgegeben. Der Schwundbetrag wurde als „Notabgabe“ bezeichnet und betrug 1% jeweils zum Ende des Monats und wurde durch das Bekleben mit einer Stempelmarke entrichtet. Die Ausgabe erfolgte ĂŒber die Entlohnung der Gemeindebediensteten, die ihren Lohn anfĂ€nglich zu 50% und spĂ€ter zu 75% in Schwundgeld erhielten. Die gesamte ausgegebene Summe wurde bei der Raiffeisenkasse hinterlegt, die das Schwundgeld auch als Einlage annahm und gegen eine GebĂŒhr von 2% in Schilling umtauschte. [56]

Zum Zeitpunkt der EinfĂŒhrung stand Wörgl vor folgender Situation:
Bei einer Gesamtbevölkerung von 4000 Menschen waren ca. 400 arbeitslos (mit Umgebung sogar ca. 1100). Den stark rĂŒcklĂ€ufigen Steuereinnahmen und der leeren Gemeindekasse standen dringend notwendige Sanierungen der Infrastruktur, insbesondere der Strassen und eine Verschuldung von 1.200.000,- Schilling gegenĂŒber. Durch die anhaltende Deflation, also dem Verfall der Preise, mussten die grĂ¶ĂŸten ProduktionsstĂ€tten und Arbeitgeber der Gemeinde schließen. [57]

Innerhalb kĂŒrzester Zeit nach EinfĂŒhrung des Notgeldes war eine deutliche Belebung der WirtschaftstĂ€tigkeit spĂŒrbar. Außergewöhnliche Preiserhöhungen wurden nicht beobachtet und die Arbeitslosigkeit konnte um 25% gesenkt werden, wĂ€hrend sie in Österreich immer noch anstieg. Eine deutliche Erhöhung der Umlaufgeschwindigkeit war ebenso zu beobachten, wie die hohe Akzeptanz des Zahlungsmittels in der Bevölkerung. ZusĂ€tzliche Investitionen in die Infrastruktur von 150.000 ÖS vermittelten eine Leistung von 267.000 ÖS zu damaligen Preisen und 220 Familien wurden aus der schwundgebĂŒhrfinanzierten SuppenkĂŒche ernĂ€hrt. [58]
Das Experiment musste bereits nach 10 Monaten beendet werden, da die Nationalbank letztinstanzlich ein Verbot erwirkte. Zu diesem Zeitpunkt haben sich bereits weitere 178 Gemeinden in ganz Österreich mit SchwundgeldplĂ€nen beschĂ€ftigt. [59]
Wörgl erhielt internationale Aufmerksamkeit. Der französische MinisterprĂ€sident a.D. Didier und Irving Fischer (Stamp Scrip) sind besonders prominente Beispiele eines rege einsetzenden Besucherstromes. Fisher empfahl in der Folge der amerikanischen Regierung „die Sicherung des Geldumlaufs als eine Maßnahme, die (...) dazu angetan ist, uns bei richtiger Anwendung in wenigen Wochen aus der Depression herauszuhelfen“. [60]
Seither ist das Schwundgeldexperiment von Wörgl das Paradebeispiel der Freigeldtheorie fĂŒr einen empirischen Nachweis der BewĂ€hrung ihrer Thesen.

HĂ€ufig wird dagegen, von Seiten der Kritiker, auf zwei Besonderheiten des Experiments hingewiesen. Zum einen sei der entscheidende Grund fĂŒr die Reduktion der Arbeitslosigkeit in der prompten Umsetzung von Arbeitsbeschaffungsprogrammen zu sehen, die aber nur finanziert werden konnten, weil mit EinfĂŒhrung des Schwundgeldes unerwartet viel rĂŒckstĂ€ndige Gemeindesteuern entrichtet wurden. Zum anderen hat der gemeinschaftliche Entschluss der Bevölkerung zum Experiment in dieser Notzeit zu einer grundlegenden Änderung der Erwartungen gefĂŒhrt, da neue Hoffnung um sich griff. [61]
DarĂŒber hinaus muss aber gegen zu euphorische Schlussfolgerungen aus dem Experiment zusĂ€tzlich einschrĂ€nkend, neben der zeitlichen und rĂ€umlichen Begrenztheit, bemerkt werden, dass die Arbeitsbescheinigungen eine komplementĂ€re nicht, wie von Gesell gefordert, am Preisstand orientierte IndexwĂ€hrung war, die zu keiner eigenstĂ€ndigen Kreditökonomie fĂŒhrte. [62]
Immerhin konnte die Wirkung eines mit GebĂŒhren belasteten, umlaufgesicherten Zahlungsmittels praktisch, wie in einem Feldversuch, erprobt werden.

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Anmerkungen:

[1] Stefan Risse berichtet z.B. in der „Telebörse“ (ntv) am 3.3.2004, dass man in Börsenkreisen im Moment von ca. 1 Billion US $ Devisenhandelsvolumen ausgeht, tĂ€glich.
[2] Vgl. Creutz, Helmut: „Das Geldsyndrom“, Ullstein Verlag, 4. Aufl., Berlin, 1997, Kap 23, S. 302 ff
[3] Vgl. Senf, Bernd: „Der Nebel um das Geld“, Gauke, LĂŒtjenburg, 1996, Kap. 7.4., S. 94 - 95
[4] Vgl. Creutz, (1997), Kap. 29, S. 378 - 380
[5] Vgl. Creutz, (1997), Kap. 22, S. 297 - 300
[6] Vgl. www-wiwi.uni-muenster.de/~09/ecochron/personen/p_gesell.htm
[7] Vgl. ebd.
[8] Vgl. Aristoteles, „Politik“, Rowolt Verlag, Hamburg, 1994, Buch I, Kap. 11, S. 67
[9] Vgl. Gesell, Silvio, „Die natĂŒrliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld“, Logos Verlag,
LĂŒdenscheid, 1950, Teil 3, Kap. 2, S. 111
[10] Vgl. ebd., S. 113
[11] Vgl. ebd., Teil 2, Kap. 1, S. 80
[12] Vgl. Gesell, (1950), Teil 3, Kap. 3, S. 118 + Kap. 5, S. 126
[13] Vgl. Creutz, (1997), Kap. 9, S. 140 - 142
[14] Vgl. Gesell, (1950), Teil 2, Kap. 1, S. 82
[15] Vgl. ebd.
[16] Vgl. Gesell, (1950), Vorwort, S. 8 - 10
[17] Vgl. Gesell, (1950), Einleitung,  S. 11 - 16
[18] Vgl. Marx, Karl, „Das Kapital“, Dietz Verlag, 9. Aufl., Berlin, 1960, Kap. 1, S. 43
[19] Vgl. Gesell, (1950), Einleitung, S. 13
[20] Vgl. Marx, (1960), Kap. 3, S. 99
[21] Vgl. ebd. S. 102 - 103
[22] Vgl. Marx, (1960), Kap. 3, S. 110 - 111
[23] Vgl. ebd., S. 137 - 140
[24] Vgl. ebd., S. 130 - 135
[25] im Original: „Preissumme der Waren / Umlaufzahl gleichnamiger GeldstĂŒcke = Masse des als
Zirkulationsmittel funktionierenden Geldes“, S. 125
[26] Vgl. Marx, (1960), Kap. 3, S. 125 – 126 + FN 77
[27] Vgl. Ziegler, Bernd: „Geschichte des ökonomischen Denkens“, Oldenbourg Verl., MĂŒnchen, 1998, Kap.
3.5.3.3., S. 176 - 177
[28] Vgl. Ziegler, (1998), Kap. 3.5.3.3., S. 177 - 178
[29] Vgl. ebd.
[30] Vgl. Ziegler, (1998), Kap. 3.5.3.3., S. 179
[31] Vgl. ebd., S. 179
[32] Vgl. Gesell, (1950), Teil 1, Kap. 2, S. 20 - 23
[33] Vgl. Gesell, (1950), Teil 1, Kap. 14, S. 73 - 74
[34] Vgl. Gesell, (1950), Teil 2, Kap. 5, S. 102
[35] Vgl. Creutz, (1997), Kap. 31, S. 417
[36] Vgl. Aristoteles, (1994), Buch I, Kap. 9, S. 63
[37] Vgl. ebd.
[38] Aristoteles, Nikomachische Ethik, 1133 a 30, entnommen aus Ziegler, Bernd: „Geschichte des ökonomischen Denkens“, Oldenbourg Verl., MĂŒnchen, 1998, Kap. 3.1.1., S. 68
[39] Vgl. Senf, (1996), Kap. 3.3., S. 37 - 39
[40] Vgl. ebd., Kap. 3.4., S. 41
[41] Vgl. Gesell (1950) Teil 1, Kap. 10, S. 54 - 58
[42] Vgl. Gesell, (1950), Teil 3, Kap. 1, S. 114
[43] Vgl. Keynes, John M., “Allgemeine Theorie der BeschĂ€ftigung, des Zinses und des Geldes”, Duncker &
Humblot, 9. Aufl., Berlin, 2002, Kap. 13, S. 140 – 146 + Kap. 15, S. 165 - 167
[44] Vgl. Senf, (1996), Kap. 3.4., S. 42
[45] Vgl. Creutz, (1997), Kap. 1, S. 29 - 30
[46] Vgl. Kennedy, Margit: „Geld ohne Zinsen und Inflation“, Goldmann Verlag, MĂŒnchen, 1990, Kap. 2,
S. 40 - 41
[47] Vgl. Gesell, (1950), Teil 2, S. 84
[48] Vgl. Senf, (1996), Kap. 7.5.7., S. 122
[49] Vgl. Gesell (1950), Teil 2, S. 80
[50] Vgl. Kennedy, (1990), Kap. 2, S. 41
[51] Vgl. Gesell, (1950), Teil 2, S. 79 - 80
[52] Vgl. ebd., S. 83
[53] Vgl. Gesell, (1950), Teil 2, S. 86; Eine materialistische, mechanistische EinschÀtzung die nicht zuletzt Keynes versucht hat, durch die Ableitung und Untersuchung der Erwartungshaltung der Wirtschaftssubjekte,
weitgehend zu widerlegen.
[54] Vgl. Ehrenteich, Norman: „Geldpolitik angesichts der Nullschranke der Nominalzinsen: Ein Überblick“,
Zeitschrift fĂŒr Sozialökonomie, Gauke Verlag, LĂŒtjenburg, 3/2003, S. 23
[55] Vgl. Creutz, (1995), Kap. 32, S. 432 - 433
[56] Vgl. Niederegger, Gerhard: „Das Freigeld – Syndrom“, Verlag fĂŒr Ethik und Gesellschaft, Wien, 1997,
Kap. 2, S. 47
[57] vgl., Schneeganz, Tobias: Diss. „Umlaufgesicherte KomplementĂ€rwĂ€hrungen“, Zeuthen, 2003,
Kap. 5.2.1., S. 38
[58] Vgl. Schneeganz, (2003), S. 43
[59] Vgl. Niederegger, (1997), Kap. 2, S. 48
[60] Vgl. Schneeganz, (2003), S. 47
[61] Vgl. Niederegger, (1997), S. 49; Vor dem Hintergrund keynsianischer Analyse mag es unklar bleiben warum ausgerechnet diese beiden Argumente gegen das Schwundgeld sprechen, wenn nachgewiesen wird das eben dieses ein „Deficit Spending“ erst ermöglichte und zudem die Erwartungen positiv verĂ€ndern konnten.
[62] Vgl. Schneeganz, (2003), S. 46

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