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SOZIAL√ĖKONOMIE.INFO

Barbara Ro√ümei√ül: 
Tauschhandel in Argentinien |
Kapitel III.

III. Möglichkeiten des Trueque
1. Ende der Geldknappheit - ein neues Tauschmittel
2. Grundversorgung und Erweiterung der Konsummöglichkeiten
2.1  Abdeckung des Grundbedarfs
2.2  Medizinische Versorgung
2.3  Erweiterung der Konsumm√∂glichkeiten hin zu ‚ÄěLuxusg√ľtern‚Äú
3. Beschäftigung und Arbeit
3.1  Die Integration individueller Arbeitsleistung ‚Äď Produktion zur gegenseitigen Bed√ľrfnisbefriedigung
3.1  F√∂rderung von Kleinstunternehmern: Microemprendimientos
3.2  Gesch√§fte und Unternehmen im System ‚Äď Arbeitspl√§tze und lokale √Ėkonomie
4. Soziale Funktionen des Trueque
4.1  Subjektives Wohlbefinden und soziale Kompetenzen
4.2  Nachbarschaftshilfe und soziale Sicherheit im Barrio
5. Zusammenfassung
Anmerkungen zu Kap. III


III.   M√∂glichkeiten des Trueque

1.  Ende der Geldknappheit - ein neues Tauschmittel

Es wurde bereits deutlich, dass die prek√§re wirtschaftliche Lage Argentiniens zu einer dramatischen Verschlechterung der Arbeitsmarktsituation gef√ľhrt hat. Arbeitslosigkeit und vor allem die Informalit√§t der Besch√§ftigungsverh√§ltnisse stiegen von 1998 bis 2002 enorm an. Immer mehr Menschen glitten in dieser Zeit in Armut ab, was 2002 durch Inflation und Corralito extreme Ausma√üe annahm. Breite Bev√∂lkerungsteile sind auch heute noch durch ihre Arbeits- und Einkommenslosigkeit aus dem offiziellen Geld- und Wirtschaftskreislauf ausgeschlossen und haben nur sehr eingeschr√§nkten oder √ľberhaupt keinen Zugang zum herk√∂mmlichen Tauschmittel Geld, das als allgemeing√ľltiger Wertma√üstab aller G√ľter marktliche Tauschbeziehungen ja in der Regel erst erm√∂glicht. Als Ergebnis sind auf der einen Seite unbefriedigte Bed√ľrfnisse zu verzeichnen, und auf der anderen das Brachliegen menschlicher Arbeitskraft, welche einen Teil dieser Bed√ľrfnisse durchaus versorgen k√∂nnte, aber aufgrund der fehlenden Nachfrage nach Arbeit bzw. nach den Produkten und Dienstleistungen, die in Eigenarbeit produziert werden k√∂nnen, daran gehindert wird. Es fehlt das Geldmedium als Verkn√ľpfungsmechanismus zwischen diesem ungen√ľtzten Potential an Arbeitskraft, Kapazit√§ten und F√§higkeiten und der unbefriedigten Nachfrage nach G√ľtern und Dienstleistungen.

Como resultado de la falta de demanda de trabajo o de los productos o servicios que se pueden producir por cuenta propia, le faltan ingresos a un sector. Pero las capacidades están allí, y también las necesidades insatisfechas. El problema es volver a unirlas. [37]

Bernard Lietaer vertritt in seinem Werk ‚ÄúDas Geld der Zukunft‚ÄĚ die These, dass Komplement√§rw√§hrungen die L√∂sung dieses Problems sein k√∂nnen und Arbeit und Konsum wieder zusammenf√ľhren. Eine Komplement√§rw√§hrung ist ein innerhalb einer Gemeinschaft vereinbartes Zahlungsmittel, das nicht identisch mit der Landesw√§hrung ist. Sie ‚Äěgew√§hrleistet, dass die Menschen ein Tauschmittel haben, das ein weiteres Funktionieren der Wirtschaft erm√∂glicht und so Arbeitspl√§tze sichert.‚Äú [38] Komplement√§rw√§hrungen existieren parallel zu der jeweiligen offiziellen W√§hrung, differenzieren sich von ihr aber durch ihre ausschlie√üliche Funktion als Tauschmittel und durch ihre Nicht-Knappheit. [39] Wie wir gesehen haben, erf√ľllt der Cr√©dito diese Voraussetzungen. Im Gegensatz zum Peso steht er den ausgeschlossenen Bev√∂lkerungsteilen ‚Äěausreichend‚Äú [40] zur Verf√ľgung und ist f√ľr jedermann leicht akzessibel, also gerade nicht knapp. Erinnern wir uns, dass jeder Prosument bei seinem Eintritt in das System 50¬Ę erh√§lt [41] und durch den Tausch seiner Produkte wiederum schnell zu Cr√©ditos kommt. Damit √ľberwindet die Tauschw√§hrung einen wesentlichen Nachteil, den die offizielle W√§hrung f√ľr die Betroffenen hat, und stellt den Teilnehmern wieder ein Tauschmittel und damit neue Kaufkraft in einem eigenen Wirtschafts- und Geldkreislauf, der parallel zum herk√∂mmlichen funktioniert, zur Verf√ľgung. Im Folgenden gilt es daher zu analysieren, inwieweit diese Parallel√∂konomie mit der Cr√©dito-W√§hrung erstens zur Befriedigung von Bed√ľrfnissen f√ľhrt, die im formalen Wirtschaftssystem unbefriedigt bleiben, und zweitens die Produktions- und Arbeitsm√∂glichkeiten der Prosumenten zu einem f√ľr die Gemeinschaft n√ľtzlichen Einsatz bringt und damit zu einer materiellen, aber auch immateriellen Besserstellung aller Beteiligten f√ľhrt.

2.  Grundversorgung und Erweiterung der Konsumm√∂glichkeiten

In der Tat ist festzustellen, dass der Trueque vor allem von 1999 bis Anfang 2002 wesentlich zu einer qualitativ und quantitativ besseren Versorgungslage der Teilnehmer beitrug und so zu einer Wohlfahrtssteigerung der Prosumenten f√ľhrte. Dieser wirtschaftliche Vorteil wurde daher von den meisten Befragten als Hauptmotiv f√ľr die Teilnahme am Trueque genannt. Hier spielte in erster Linie die Versorgung mit G√ľtern und Dienstleistungen des allt√§glichen Lebens eine gro√üe Rolle. √úber die Nodos konnten die Teilnehmer oftmals einen beachtlichen Teil ihres Grundbedarfs abdecken. Auch die medizinische Versorgung war ein wichtiges und begehrtes Angebot in den Nodos. Vor allem der verarmten Mittelklasse bot der Tauschhandel √ľberdies zus√§tzliche Konsumm√∂glichkeiten in Form von G√ľtern und Dienstleistungen, die sich die Prosumenten auf dem herk√∂mmlichen Markt nicht mehr leisten konnten und die f√ľr sie daher als ‚ÄěLuxusg√ľter‚Äú galten.

2.1 Abdeckung des Grundbedarfs

Am wichtigsten f√ľr die Teilnehmer war die Behebung von Versorgungsl√ľcken des Grundbedarfs, welche die privaten Haushalte nicht durch Eigenleistung auszuf√ľllen imstande waren und die wegen fehlender Mittel auch nicht oder nur eingeschr√§nkt √ľber den herk√∂mmlichen Markt geschlossen werden konnten. Alle befragten Prosumenten und Koordinatoren, die ebenfalls aktiv tauschten, besuchten die Nodos in erster Linie, um f√ľr sich und ihre Haushalte Lebensmittel, Kleidung und Dienstleistungen (Haarschnitt, √§rztliche Beratung, etc.) zu erhalten. Die anteilige Versorgung der Haushalte mit lebenswichtigen G√ľtern und Dienstleistungen konnte deren Ausgaben in Pesos deutlich senken. Sehen wir uns dies n√§her an. Die Bereitstellung von G√ľtern bzw. Dienstleistungen f√ľr die Tauschm√§rkte erlaubt eine gr√∂√üere Rentabilit√§t des Peso-Einkommens. Nach Jos√© Luis Coraggio, Professor f√ľr Sozial√∂konomie an der Universidad Nacional de General Sarmiento und Experte f√ľr die Tauschclubs, ist die Rechnung einfach aufzustellen: Investiert man z.B. von 150$ einen Bruchteil, z.B. 20$, auf dem regul√§ren Markt in den Kauf von Produkten wie Mehl und Milch, verarbeitet diese zu Brot oder Geb√§ck und verkauft den √ľber den Eigenbedarf hinausgehenden Teil im Trueque, erh√§lt man letztendlich 70$ in Form von Cr√©ditos, also zus√§tzliche 50$ [42]. Durch die Verarbeitung erhalten die Anfangsprodukte einen Mehrwert, wodurch der Verkaufspreis des Endproduktes steigt. Diese Rechnung gilt nat√ľrlich ebenfalls im offiziellen Wirtschaftskreislauf, doch wird hier das Produkt bzw. die Arbeitskraft ja gerade nicht mehr nachgefragt, was das Ausweichen auf das Parallelsystem notwendig macht. [43] Das Angebot f√ľhrt also zu einer Einkommensmehrung f√ľr den Einzelnen, dem nun in unserem Beispielfall mit den 70¬Ę (= 70$) ein gr√∂√üerer Betrag zur Versorgung seiner Familie zur Verf√ľgung steht. Hiervon erwirbt er Lebensmittel und sonstige f√ľr ihn notwendige G√ľter √ľber den Tauschmarkt mit dem Ergebnis, dass ihm vom urspr√ľnglichen Gesamtbetrag in Peso ein gr√∂√üerer Rest bleibt, der anderen Verwendungen zugef√ľhrt werden kann.

Die Aussagen zum Volumen der Ausgabenreduzierung in der offiziellen W√§hrung variieren stark. Vielen Teilnehmern f√§llt es schwer, Sch√§tzungen hier√ľber abzugeben. Daher sind die Angaben nicht als exakte Ziffern zu verstehen, sondern als Richtwerte. Die meisten Befragten konnten ihre Ausgaben in Peso im Grundversorgungsbereich um 25% bis 50% senken, einige wenige gaben bis zu 80% an. Diese Aussagen stimmen mit Umfragen aus dem Jahr 2000 weitgehend √ľberein. [44]

Aqu√≠ en Chacarita hab√≠a de todo. Ten√≠amos todo de alimentos, frutas, verduras, carne, qu√© s√© yo. Despu√©s tambi√©n hab√≠a peluqueros, alba√Īiles, m√©dicos, [...]. Yo tambi√©n compr√© todo para mi familia, compr√© las frutas, las verduras, el pan, mucho ya no ten√≠a que comprar afuera. Por semana, te dir√≠a que ahorr√© casi el 50% de lo que normalmente gastaba.[45]

Die zus√§tzliche Versorgungsm√∂glichkeit neben dem herk√∂mmlichen Markt hatte f√ľr die einzelnen Teilnehmerschichten unterschiedliche Bedeutung. Den Prosumenten der Nueva Pobreza, die sich in der Regel nicht in einem Zustand extremer Bed√ľrftigkeit befanden und noch Peso-Eink√ľnfte erhielten, bot sich durch die parallele Nutzung des Trueque die M√∂glichkeit, ihren Lebensstandard einigerma√üen aufrechtzuerhalten und nicht vollst√§ndig in die Armut abzugleiten. Sie lebten vom Trueque und konnten das durch die Ausgabenreduzierung im formellen Wirtschaftskreislauf gesparte Geld f√ľr die G√ľter und Dienstleistungen verwenden, die sich √ľber den Tauschhandel nicht erwerben lie√üen, z.B. f√ľr die Bezahlung der monatlichen Rechnungen:
Yo empec√© con el trueque porque en el 99 me qued√© sin trabajo. Particip√© toda la semana en varios nodos. Y el trueque me daba para vivir ‚Äď pero me sobraba! El dinero que yo ten√≠a, practicamente lo gastaba en pagar los gastos de la luz, el tel√©fono y esas cosas del departamento. Y el resto lo destinaba a comprar las cosas que en el trueque no consegu√≠a, pero eran muy pocas, por ejemplo, farmacia, o articulos como jab√≥n y champ√ļ. Pero los alimentos, los compr√© casi todos en el trueque. Solamente la carne, la ten√≠a que comprar afuera. [46]

Hubo mucha gente que viv√≠a del nodo, la gente del nodo lucha por tener algo m√°s. Hay gente que ha estado muy bien y que en este momento no tiene trabajo. Yo tambi√©n en un cierto momento tuve que vivir del nodo. Para mi siempre el trueque fue una cosa paralela. A m√≠ me ayud√≥ mucho, o sea, en alg√ļn momento no tuve el mercado formal y tuve que vivir de lo que me daba el trueque. Y en un momento tuve problemas con los servicios. Entonces, qu√© hac√≠a? Viv√≠a del trueque, y lo que me entraba por el mercado formal, lo usaba para los servicios.[47]

Die Abdeckung der Grundversorgung √ľber den Tauschhandel bot dar√ľber hinaus auch selbst√§ndigen Kleinstproduzenten die Chance, auf dem regul√§ren Markt kleine Investitionen zu t√§tigen, die es ihnen erm√∂glichen, weiterhin Produkte wie Kleidung, Schuhe, Kunsthandwerk, etc. f√ľr den offiziellen Markt zu produzieren:
Tambi√©n me plante√© la pregunta de c√≥mo trabajo, c√≥mo invierto. Yo, por ejemplo, hac√≠a unos trajes deportivos, y bueno, la tela es muy cara y, a veces, no la consegu√≠ en el nodo. Entonces, ¬Ņc√≥mo hago para cumplir los pedidos? Y me puse a pensar y dec√≠a bueno, ¬Ņqu√© tengo que gastar en la calle? La yerba, el az√ļcar y esas cosas, las consegu√≠ en el nodo, la ropa tambi√©n, ya no tuve que gastar plata en eso. Entonces, esa plata la usaba para comprar la tela. [48]

W√§hrend die verarmte Mittelklasse im Trueque ihren gewohnten Lebensstandard mehr oder weniger abzusichern suchte, wurde der Tauschhandel f√ľr die Teilnehmer der Sectores Populares dagegen zu einer wahren √úberlebensstrategie. Sie verf√ľgten nur mehr √ľber √§u√üerst geringe und unregelm√§√üige Eink√ľnfte und hatten daher schon gro√üe M√ľhe, die notwendigsten Grundbed√ľrfnisse ihrer Familien zu befriedigen. Die ‚Äěurgencia alimentaria‚Äú [49] l√§sst sie die Tauschm√§rkte aufsuchen, die sie im Gegensatz zu den Mittelschichten nicht parallel zum formellen Markt nutzen, sondern als einzige M√∂glichkeit, in irgendeiner Form an eine Art Einkommen zu gelangen, das ihnen der Trueque in Form von G√ľtern und seltener Dienstleistungen leistet.

Yo antes vendía milanesas, milanesas de soja, empanadas y dulces en la calle. De eso vivíamos. Pero después [de la devaluación] subían tanto los precios para la harina y esas cosas que tuve que aumentar mis precios también. Entonces, la gente ya no me compraba las cosas. Entonces, las vendí en el nodo por créditos, y ahí con los créditos compré frutas y verduras, ropa, algunos insumos. En esa época teníamos para comer, el trueque nos daba. [...]. Pero ahora ya no tengo casi nada de ingresos, a veces no alcanza para la comida.[50]

Yo pude sostenerme gracias al trueque. Lo que tengo puesto, lo tengo del trueque. Yo no me puedo comprar ropa, no tengo ni un mango para eso. Mir√°, acabo de conseguir estos zapatos, fijate, c√≥mo me quedan. [...] Te digo, yo antes, el a√Īo pasado, no ten√≠a el pelo largo, en el nodo hab√≠a peluqueros, ah√≠ me cortaron el pelo. Si el trueque siguiese como antes, no tendr√≠a el pelo largo ahora.[51]

Die Notwendigkeit, den Trueque als √úberlebensstrategie zu nutzen, ist wahrscheinlich der wesentliche Grund daf√ľr, dass sich der Wiederaufbau des Tauschsystems nach seinem gro√üen Einbruch Ende 2002 in den armen Teilen des Gro√üraums Buenos Aires deutlich rascher vollzieht, als in den Vierteln der Mittelklasse. In der Westzone (Zona Oeste) und in Quilmes funktionieren heute bereits wieder einige Nodos mit bis zu 300 Prosumenten, Tendenz steigend, w√§hrend die Clubs in der Hauptstadt (Capital Federal) mit 30 bis 70 Teilnehmern ums √úberleben k√§mpfen.

2.2  Medizinische Versorgung 

Eine wichtige Rolle spielte der Trueque im Bereich der medizinischen Betreuung und Behandlung. Bereits seit etwa f√ľnf Jahren leben mehr als 50% der argentinischen Bev√∂lkerung ohne Krankenversicherung [52] und m√ľssen f√ľr Arztbesuche und Medikamente selbst aufkommen. Dabei ist allein f√ľr ein Beratungsgespr√§ch ohne medizinische Behandlung, je nach Region und Arzt [53], mit Kosten zwischen 30 und 60$ zu rechnen, was bei den derzeitigen Einkommensverh√§ltnissen f√ľr die meisten B√ľrger unerschwinglich ist. Somit bliebe ihnen nur die kostenlose aber defizit√§re medizinische Versorgung in den √∂ffentlichen Krankenh√§usern. Bis 2002 dagegen hatten die Prosumenten in den Tauschclubs raschen und kosteng√ľnstigen Zugang zu medizinischer Hilfe in vielen Bereichen: Neben Allgemeinmedizinern gab es auch Fach√§rzte sowie zahnmedizinische und psychologische, bzw. psychotherapeutische Betreuung. Auch medizinische Laboratorien, Therapeuten und Krankenpfleger waren zu finden. [54] Die Arbeitszeit der Dienstleister wurde in Cr√©ditos bezahlt, anfallende Materialkosten dagegen mussten nat√ľrlich weiterhin in Peso berechnet werden, da die Materialien ausschlie√ülich auf dem regul√§ren Markt zu beziehen waren. Die RGT kooperierte sowohl in der Hauptstadt als auch im Landesinneren mit medizinischen Unternehmen (empresas de medicina pr√©paga), die neben eigenen medizinischen Einrichtungen auch √ľber Rettungszentralen und Ambulanzen verf√ľgten. Der einmalige Mitgliedschaftsbeitrag war anteilig in Cr√©ditos zu entrichten, wodurch sich die urspr√ľngliche Aufwendung in Peso deutlich verringerte. Jeder Arztbesuch wurde anschlie√üend in Cr√©ditos bezahlt.

Es wird deutlich, dass die M√∂glichkeit, auf den Cr√©dito als Zahlungsmittel auszuweichen, f√ľr viele die zun√§chst unbezahlbare medizinische Versorgung erstmalig wieder zug√§nglich machte. Dabei kann die √§rztliche Betreuung sicherlich keine langwierigen Behandlungen oder Operationen mit hohem Material- und Medikamentenaufwand umfassen. Hier w√§ren die Zusatzkosten f√ľr den Patienten weiterhin zu hoch. Gerade aber im Bereich der grundlegenden medizinischen Versorgung und Beratung bei allt√§glichen medizinischen Problemen (z.B. Erk√§ltung, Grippe, leichten Verletzungen) bot die Parallel√∂konomie durchaus eine deutliche Verbesserung der Versorgung der Teilnehmer. Auch im therapeutischen Bereich, der in der Regel wenig materialintensiv ist, wurden den Prosumenten erneut wichtige Behandlungsm√∂glichkeiten zug√§nglich, die ihrem k√∂rperlichen und seelischen Wohlbefinden dienten, was gerade auch in Zeiten pers√∂nlicher Wirtschaftskrisen, Arbeitslosigkeit und den damit verbundenen psychischen und psychosomatischen Beschwerden wichtig ist.

2.3  Erweiterung der Konsumm√∂glichkeiten hin zu ‚ÄěLuxusg√ľtern‚Äú

Neben der Abdeckung des lebenswichtigen Grundbedarfs und der damit verbundenen Ausgabenreduzierung in Peso boten die Tauschm√§rkte ein breites Angebot an G√ľtern und Dienstleistungen, die nicht mehr zum unmittelbaren √úberleben notwendig waren. Mitglieder konnten sich √ľber den Tauschhandel auch G√ľter leisten, die sie im regul√§ren System gar nicht mehr in Anspruch genommen h√§tten und die f√ľr sie somit eine Art ‚ÄěLuxus‚Äú darstellten. Neben dem Aspekt der Bed√ľrfnisbefriedigung ist hier vor allem der emotionale Zusatznutzen nicht au√üer Acht zu lassen, schlie√ülich bot sich mit der Vielfalt der M√∂glichkeiten eine neue ‚ÄöShopping-Welt‚Äô.

F√ľr die Prosumenten der unteren Schicht √∂ffnet sich damit eine neue und √§sthetischere ‚Äěesfera del consumo‚Äú [55] hin zu neuen Produkten wie B√ľcher und Geschenkartikel, Pflanzen oder Kunsthandwerk.

Incluso, de vez en cuando pude comprar alg√ļn regalito, mira, compr√© este anotador de madera, es para ponerlo en la pared. Ahora, ni puedo pensar en algo as√≠, ahora ni siquiera tengo plata para comprar la comida, fijate, como vivimos aqu√≠.[56]

Las cosas de adorno que ves aquí en la casa, son todas del trueque. El cuadro ahí, el florero con la florcita de plástico, [...], todo del nodo. Queda mucho más lindo así.[57]

Die krisengebeutelte Mittelklasse wiederum nutzte den Trueque, um Bed√ľrfnisse zu befriedigen, die mit den reduzierten Eink√ľnften nicht mehr abgedeckt werden konnten, um so ihren gewohnten Lebensstandard und ihre gesellschaftliche Position einigerma√üen zu erhalten. Nat√ľrlich erwarben auch sie die bereits angef√ľhrten Produkte, dar√ľber hinaus aber nutzten sie auch Dienstleistungen aus dem Bereich Sch√∂nheit und Wohlbefinden wie Manik√ľre, Aroma-Therapien oder Reiki-Massagen. Auch das Angebot steuerlicher oder juristischer Beratung sowie Bildungsm√∂glichkeiten wurden wahrgenommen. Zur Instandhaltung und Versch√∂nerung und teilweise auch zum Neubau ihrer Heime nutzten sie gerne das Angebot handwerklicher Dienstleister, z.B. Installateure, Maurer, Elektriker oder Maler, deren Arbeitskraft sie sich auf dem offiziellen Markt nicht mehr leisten konnten. Durch den Tauschhandel beschr√§nkten sich die Aufwendungen in Peso auf die Materialkosten, die Arbeitszeit wurde in Cr√©ditos bezahlt.

Alcanc√© hacer pintar el techo del ba√Īo tambi√©n. Me hab√≠a cobrado 50¬Ę y 10$. Era poqu√≠simo. Hubo gente que hizo pintar todo el departamento por cr√©ditos, en la √©poca buena. Casas enteras se construyeron con el trueque. Hubo otra gente que compraba hasta casas o autos y camionetas [usadas] por cr√©ditos.[58]

Ebenfalls f√ľr die Mittelklasse bot sich durch den Trueque die M√∂glichkeit, Urlaubsreisen zu unternehmen, bei denen bis zu 50% der Kosten (teilweise auch mehr) entweder in Cr√©ditos oder in Form von Direkttausch (Arbeitsleistung vor Ort oder mitgebrachte Produkte) entrichtet werden konnten. Hotels aus begehrten Urlaubsregionen Argentiniens wie Mendoza oder Salta im Norden und Mar del Plata im S√ľden hatten sich dem Tauschhandel angeschlossen. Mit den Cr√©ditos der RGT konnten au√üerdem auch Fernziele in Brasilien und Uruguay (Punta del Este) angesteuert werden. Mabel von Turismo en la Red organisiert auch heute wieder f√ľr die RGT Gruppenreisen:
Nuestros turs abarcan todo, asi que la gente no tiene m√°s gastos. Un viaje a Mar del Plata, por ejemplo, el pasaje en micro est√° a 38$, 38 ida m√°s 38 vuelta. Y nosotros fuimos por 70$ y 40¬Ę los tres d√≠as con comida, con excursiones y con hoteler√≠a, todo incluido. Hasta ahora llevan viajando 2900 personas del trueque. Una vez llevamos un pintor a la costa con toda la familia. El trabajaba hasta la una y as√≠ pagaba su viaje. Hubo gente que ten√≠a 74 a√Īos y no conoc√≠a el mar y pudo ir con pan casero. Fabricaron pan casero y lo llevaron. Achic√≥ su monto con su trabajo.[59]

Anhand der aufgef√ľhrten Beispiele wird deutlich, dass sich die Teilnehmer des Trueque gegenseitig ein sehr breites Spektrum an Versorgungsm√∂glichkeiten zur Verf√ľgung stellten. Dadurch wurden zahlreiche Bed√ľrfnisse befriedigt, die im regul√§ren Wirtschaftssystem aufgrund der eingeschr√§nkten Liquidit√§t der Betroffenen unbefriedigt geblieben w√§ren. Der Cr√©dito als neues Zahlungsmittel √ľberwand dieses Problem und gab den Teilnehmern neue Kaufkraft. Im Tauschsystem zeichneten sich unterschiedliche Konsumniveaus der Bev√∂lkerungsschichten ab, f√ľr die der Trueque sehr unterschiedliche Bedeutung hatte. W√§hrend ihn die abgestiegene Mittelklasse √ľberwiegend parallel zur herk√∂mmlichen Wirtschaft nutzte, war er f√ľr die √§rmeren Schichten die einzige M√∂glichkeit, Einkommen und damit G√ľter und Dienstleistungen zu erlangen. F√ľr alle Betroffenen aber spielte die Parallel√∂konomie eine herausragende Rolle in ihrer Subsistenzsicherung. ########

3.  Besch√§ftigung und Arbeit

3.1  Die Integration individueller Arbeitsleistung ‚Äď Produktion zur gegenseitigen  Bed√ľrfnisbefriedigung

Die Versorgungsm√∂glichkeiten im Trueque stellen f√ľr das einzelne Mitglied die Hauptmotivation seiner Teilnahme dar. Um sie aber nutzen zu k√∂nnen, muss er √ľber seine eigene Arbeitsleistung an die notwendigen Cr√©ditos kommen. Zur Erm√∂glichung der eigenen Subsistenzsicherung kann nat√ľrlich auf den Verkauf nicht mehr verwendeter Gegenst√§nde zur√ľckgegriffen werden. Eigentliches Ziel des Trueque ist aber, die Produktion von G√ľtern und Dienstleistungen durch individuelle Arbeitsleistung zu f√∂rdern. ‚ÄěEn el trueque no hay empleo pero s√≠ hay trabajo.‚Äú[60] Unter Arbeit wird hier nicht f√∂rmliche Erwerbsarbeit verstanden, bei der in einem Arbeitsverh√§ltnis monet√§res Einkommen erzielt wird, sondern eine autonome qualifizierte oder unqualifizierte T√§tigkeit (spanisch: ‚ÄěAutoempleo‚Äú), die auf dem Tauschmarkt, teilweise aber auch in begrenztem Ma√üe weiterhin parallel auf dem herk√∂mmlichen Markt nachgefragt wird und f√ľr den Anbieter zu einer Einkommensmehrung f√ľhrt. Auf diese Kaufkraftmehrung ist er, wie wir gesehen haben, aufgrund seiner prek√§ren Versorgungssituation dringend angewiesen. Daher bietet sich ihm der Trueque als alternative oder parallele Arbeits- und Verdienstm√∂glichkeit an.

Bis zu seinem Einbruch erm√∂glichte der Trueque in vielen F√§llen den Zugang zu neuen bzw. verlorenen zahlungskr√§ftigen (in Cr√©ditos!) Kunden und somit die Weiterf√ľhrung der bisher ausge√ľbten Besch√§ftigung. Vor allem den Anbietern relativ teurer Dienstleistungen im handwerklichen und medizinischen Bereich, deren Inanspruchnahme in Krisenzeiten auf ein Minimum reduziert wird, bot die Parallel√∂konomie einen sinnvollen Ausweg:
El intercambio con los prosumidores nos da esperanzas para seguir trabajando con dignidad, porque hoy no existen los clientes. Ahora, profesionales y productores podremos llegar a la gente. [...] Esta es la solución para los profesionales que no tienen trabajo, y también para el paciente que dignamente puede pagar su consulta con lo que dispone, es decir, con sus créditos del trueque. [61]

Durch die Parallelwirtschaft k√∂nnen also die sonst brachliegenden F√§higkeiten, Arbeitskraft und Produktionsmittel genutzt werden und Arbeitsleistungen erbracht werden, die im offiziellen Wirtschaftskreislauf aufgrund krisenbedingter mangelnder Nachfrage, aber auch fehlender Wettbewerbsf√§higkeit (geringere Qualit√§t, niedrige Produktivit√§t und Produktionsmenge, etc.) unterbleiben w√ľrden. Estela Maris, Koordinatorin aus Merlo:
Aquí en el nodo hay bastante producción de ropa y calzados. La gente que produce esas cosas, no las puede vender a negocios del mercado formal porque ellos piden cantidad y calidad y, a parte, solamente deben comprar de proveedores que facturan. Entonces, solamente pueden vender sus productos a clientes privados, cosa que en tiempos de crisis tampoco es tan fácil, porque la gente ya no tiene para comprar. Entonces, lo que no podés vender en el mercado por plata, lo vendés en el nodo.[62]

Im Tauschmarkt gelten also andere Bedingungen f√ľr Effizienz und Produktivit√§t, welche die Nutzung der relativ geringen Produktionsm√∂glichkeiten der Prosumenten m√∂glich machen und diese dadurch bef√§higen, ihre Kapazit√§ten zum Erwerb ihres Lebensunterhalts einzusetzen.

Dieser Gesichtspunkt ist ebenfalls wichtig f√ľr die Integration h√§uslicher Produktion von Nahrungsmitteln wie zubereiteten Speisen, Brot und Konserven in den Tauschhandel. Auf dem freien Markt k√∂nnten diese Produkte bestenfalls im Stra√üenverkauf abgesetzt werden, Stra√üenverk√§ufer (die sogenannten ‚ÄěAmbulantes‚Äú) gibt es aber schon massenweise. Im Trueque dagegen finden Anbieter einen regelm√§√üigen und gro√üen Markt mit entsprechender Nachfrage vor. Dies bietet vor allem Frauen [63] ‚Äď gerade auch Hausfrauen - die M√∂glichkeit, ihre haushaltliche Produktion zu vergr√∂√üern bzw. deren Variet√§t zu erweitern und √úbersch√ľsse im Trueque anzubieten. Damit kann in den Nodos nicht nur ein wichtiger Know-How-Transfer haushaltlicher Arbeit und K√ľche erfolgen. Diese Verdienstm√∂glichkeiten der Frauen st√§rken ihre Position und ‚Äúgeneran una intervenci√≥n m√°s importante de las mujeres en la obtenci√≥n del sustento del hogar [y] tambi√©n las libera[n], en cierta medida, de la sujeci√≥n respecto a sus maridos dentro de la sociedad patriarcal.‚ÄĚ[64]

Der Trueque bietet ebenfalls die M√∂glichkeit zur Integration von Personen ohne eigene Produktionsm√∂glichkeiten, d.h. Personen, die nicht √ľber das notwendige minimale Kapital verf√ľgen, um in die Produktion f√ľr den Trueque investieren zu k√∂nnen. Die effiziente Einbindung der nur sehr begrenzten Arbeitsm√∂glichkeiten der absolut Verarmten h√§ngt aber zum einen vom Geschick und Einfallsreichtum der Koordinatoren ab, und zum anderen vom Willen und der Disziplin der Betroffenen. Daher waren diese Versuche oftmals nicht von Erfolg gekr√∂nt.

Hac√≠amos mucho hincapi√© en la autosuperaci√≥n, a partir de lo que podemos aprender y de aquello que ya se aprendi√≥ pero que no lo ponemos en pr√°ctica. La gente ten√≠a que darse cuenta de que pod√≠an a m√°s. Por ejemplo, hab√≠a gente que, cierto, los apremiaba la parte econ√≥mica. Entonces, yo dec√≠a: ‚Äėvayan y pidan a los vecinos pan, rallenlo y ustedes est√°n recibiendo bolsitas de pan rallado. Hab√≠a gente que tra√≠a milanesa ya preparada y ten√≠a que ir al mercado formal para comprar pan rallado, cuando esa persona que tra√≠a el pan rallado pod√≠a hacerse de cr√©ditos y sentirse m√°s √ļtil.[65]

Die geringen Anforderungen an Produktivit√§t und Effizienz ebenso wie die Informalit√§t des Trueque machen ihn ebenfalls zu einer idealen Plattform, um neue Bet√§tigungen auszuprobieren, da die Investitionskosten und somit auch das Risiko gering bleiben. F√ľr viele bot sich daher die Gelegenheit, ihr Hobby oder ihre besonderen F√§higkeiten und Erfahrungen zum ‚ÄöBeruf‚Äô zu machen. Vor allem im kunsthandwerklichen und Textilbereich (Schmuck, Stoffpuppen, Holzfiguren, bestickte Handt√ľcher/Tischdecken, etc.) aber auch im Lebensmittelbereich (Herstellung von S√ľ√üspeisen und Marmeladen nach traditionellen Rezepten) kamen hier vielf√§ltige Talente aber auch neuartige Produktvarianten zum Vorschein. Auch im Dienstleistungsbereich kannte die Kreativit√§t keine Grenzen und es entstanden hei√ü begehrte Angebote wie ‚Äělimpiar el horno‚Äú (Backofen-Putzen) oder der sog. ‚Äěmarido por horas‚Äú (Stunden-Ehemann), der Frauenhaushalten Reparaturhilfe, bzw. Verrichtung schwerer Arbeiten im Haushalt anbot [66]. Diese Beispiele machen deutlich, dass alle Teilnehmer F√§higkeiten besitzen, mit denen sie die Bed√ľrfnisse Anderer befriedigen k√∂nnen. Erst der Trueque und der Cr√©dito als Tauschmittel bringen Angebots- und Nachfrageseite wieder zusammen. Ziel solcher neuen Kleinstunternehmen war nach dem Lernprozess innerhalb des Schutzbereichs der Parallel√∂konomie oftmals Eingliederung als sogenannte Microemprendimientos in den offiziellen Markt.

3.1  F√∂rderung von Kleinstunternehmern: Microemprendimientos

Die Organisation der Clubs kann die Gr√ľndung und den Erhalt solcher Microemprendimientos gezielt forcieren. Microemprendimientos sind Kleinstunternehmen von durchschnittlich 3-5 Personen, die meist der Familie bzw. dem Freundeskreis angeh√∂ren. Sie produzieren arbeitsintensiv mit √§u√üerst geringer Ausstattung an Kapital und Produktionsmitteln und daher mit geringem Produktionsvolumen. Ihre Anzahl hat im informellen Sektor des regul√§ren Marktes als √úberlebensstrategie vieler Arbeitsloser bereits gro√ües Gewicht erlangt. [67] Auch wenn der Trueque als Parallelmarkt ein risikoarmer Schutzraum f√ľr bereits bestehende oder neu gegr√ľndete Microemprendimientos sein kann, darf gleichzeitig nicht √ľbersehen werden, dass diese gerade durch die Risikolosigkeit kaum die notwendigen Anreize haben, um √úberlebensstrategien f√ľr eine effiziente (Re)Integration in den offiziellen Markt zu entwickeln. [68] Koordinatoren und Organisatoren des Trueque k√∂nnen dennoch viel zur gezielten F√∂rderung solcher Strategien beitragen. [69] Dies wurde zum einen bei der Beobachtung mehrerer Microemprendimientos des Nodo ‚ÄěMontserrat‚Äú deutlich, die Kunsthandwerk aus Keramik und Glas, sowie traditionelle S√ľ√üspeisen produzieren. [70] Zum anderen werden Erfahrungen von Kleinstunternehmen der Zona Oeste mit bereits gr√∂√üerer Produktion herangezogen. Welche L√∂sungsm√∂glichkeiten bietet das Tauschsystem nun ihren Problemen? Ihre schlechte Ausstattung mit Kapital und Produktionsmitteln l√§sst sich oft nur begrenzt beeinflussen. Die Organisatoren der Zona Oeste investierten daher gezielt die Einnahmen aus den Mitgliedsbeitr√§gen in die maschinelle Ausstattung ihrer Kleinstunternehmen. Dadurch konnten z.B. zwei gr√∂√üere Emprendimientos eingerichtet werden, in denen 11 Besch√§ftigte unter anderem mit einer t√§glichen Produktion von 1200 Pizzab√∂den den Prosumenten eine warme Mahlzeit erm√∂glichten, was f√ľr viele keine Selbstverst√§ndlichkeit war. Die Bezahlung der Arbeiter erfolgte in Cr√©ditos. [71] Das Projekt befindet sich derzeit im Wiederaufbau.

Die schwache Kapitalausstattung l√§sst oft schon den Kauf kleiner Mengen an Produktionsmaterial zum Problem werden. Eine wichtige Kostensparma√ünahme ist der Erwerb von Produktionsmaterial √ľber den Tauschmarkt. Im Nodo ‚ÄěMontserrat‚Äú sammeln z.B. alle Teilnehmer Flaschen f√ľr das Emprendimiento Glaskunsthandwerk sowie Beh√§ltnisse und Verpackungsmaterial f√ľr die Verpackung der produzierten Lebensmittel. Die Zona Oeste stellte mit der Gr√ľndung eines Zulieferbetriebs die Mehlversorgung der Pizzaproduktion sicher und reduzierte gleichzeitig die Produktionskosten:
Nosotros compramos el trigo y mandamos hacer la harina. Pagamos la mano de obra con harina. Una bolsa de harina de 50 kg que en el mercado formal costaba 40$ a nosotros nos salía 25$. Eso nos permitía achicar todos los costos. [72]

Durch solche Ma√ünahmen k√∂nnen Kleinstunternehmen in der Startphase Kapital f√ľr Erweiterungsinvestitionen ansparen bzw. sich durch niedrige Verkaufspreise auf dem offiziellen Markt besser behaupten.
Sehr wichtig ist die Weiterqualifizierung der Prosumenten hin zu Unternehmern, die im normalen Wirtschaftssystem konkurrenzf√§hig sind. Eine wesentliche Aufgabe der Koordination ist hierbei, die Laienunternehmer zun√§chst in ihrem ‚Äěpoder autogestivo‚Äú [73] zu ermutigen und ihnen Schritte zum Selbstmanagement aufzuzeigen. Daneben muss der Besuch kostenloser Schulungen zu betriebswirtschaftlichen Themen wie Finanzplanung, Buchf√ľhrung, Produktvermarktung und Formalisierung angesto√üen werden, da die Kleinunternehmer hier√ľber im Regelfall kaum Kenntnisse verf√ľgen. Kurse hierzu werden z.B. vom Centro de Apoyo a la Microempresa [74] (CAM) der Stadt Buenos Aires angeboten. Das Programm sieht dar√ľber hinaus auch technische und finanzielle Assistenz [75] f√ľr Kleinstproduzenten vor.
Viele Betroffene sind √ľber derartige M√∂glichkeiten nicht ausreichend informiert, vor allem, weil die Informationssuche f√ľr sie mit nicht unerheblichen Kosten verbunden ist. [76] Hier spielt der Nodo als Netzwerk und Informationspool eine gro√üe Rolle. Die Mitglieder informieren und beraten sich gegenseitig. Dieses Netzwerk tr√§gt gleichzeitig auch zum st√§rkeren Absatz der Produkte im informellen Peso-Markt bei, da die Produzenten √ľber den Trueque ihren Bekanntenkreis erweitern und damit auch neue in Peso zahlende Kunden gewinnen, was ihre schlechten Kommerzialisierungsm√∂glichkeiten im formellen Markt etwas ausgleicht.
Einige Microemprendimientos haben bereits als informelles oder sogar als formal registriertes Unternehmen den Schritt in den offiziellen Markt geschafft. Graciela aus Quilmes schildert ihren Erfolg: 
Yo en un momento estaba muy mal, no ten√≠a trabajo. En el trueque aprend√≠ que cada uno puede producir algo. Y me puse a pensar, ¬Ņqu√© puedo hacer yo? ¬ŅQu√© sirve para el mercado formal? Y encontr√© la soja. No hay un producto m√°s barato y m√°s √ļtil para la gente. Me capacit√©, busqu√© recetas y proveedores y con mi familia empezamos a producir productos de soja para el trueque y tambi√©n para el mercado formal. [...] Despu√©s me puse a pensar, ¬Ņc√≥mo puedo competir en el mercado formal?, pens√©, y bueno, vend√≠ los productos m√°s baratos que otros emprendedores, y as√≠ hubo m√°s gente que compraba. A mis clientes, los consegu√≠ casi todos a trav√©s de la gente que yo conoc√≠a del trueque. Llam√© a todos mis amigos del nodo y ellos lo dijeron a su gente y as√≠ consegu√≠ a gente que compraba. Gracias a eso pude sostener mi familia en los meses que mi marido tampoco ten√≠a trabajo. [77]

Dies unterstreicht die Bedeutung des Trueque als ‚Äěincubadora de empresas‚Äú [78], die zur Neuorientierung der Teilnehmer auf dem Arbeitsmarkt beitr√§gt und eine Plattform f√ľr die Gr√ľndung von Kleinstunternehmen ist, die selbst wiederum, je nach Entwicklung, √ľber gro√üe ‚Äěcapacidad de generaci√≥n de empleo‚Äú [79] verf√ľgen.

3.2 Gesch√§fte und Unternehmen im System ‚Äď Arbeitspl√§tze und lokale √Ėkonomie

Aus der regul√§ren Wirtschaft integrierten sich mit zunehmender Ausbreitung und Vergr√∂√üerung des Parallelmarktes Gesch√§fte und Unternehmen aller Sektoren in das Tauschsystem. Vor allem die Netzwerke RGT und Zona Oeste bef√ľrworteten ihre Integration, die f√ľr beide Seiten Vorteile brachte. F√ľr das Parallelsystem bedeutete sie eine gr√∂√üere Diversifikation des Produktangebots sowie die Lieferung gr√∂√üerer Mengen, wodurch die Versorgung der Prosumenten verbessert und ihr Vertrauen in das Parallelsystem gef√∂rdert wurde. Auf Unternehmerseite verhinderte der Eintritt in den parallelen W√§hrungskreislauf ein Stillstehen ihrer Kapazit√§ten und erm√∂glichte die Aufrechterhaltung der Produktion bzw. des Verkaufs und somit die Erhaltung der Arbeitspl√§tze. Der Trueque brachte ihnen neue zahlungskr√§ftige (in Cr√©ditos!) Kunden und band auch durch die Krise verlorengegangene Kundschaft wieder an sie, was gerade in kleineren Gemeinden wichtig war. Das landesweite Netzwerk der RGT bot ihnen au√üerdem neue Verkaufsm√∂glichkeiten in allen Regionen des Landes. Neben den absatzpolitischen Gesichtspunkten galt auch f√ľr die Unternehmen der Kostensenkungsvorteil durch Teilabdeckung ihrer Versorgung √ľber die Tauschm√§rkte. Im Folgenden werden die einzelnen Sektoren kurz betrachtet.

Einzelhandel und Dienstleistungen: In vielen St√§dten und kleinen Gemeinden gliederten sich einige √∂rtliche Gesch√§fte dem Trueque an. Dazu muss man wissen, dass in den meisten Orten vor allem kleine Kioske in gro√üer Zahl vorhanden sind und der Konkurrenzkampf entsprechend gro√ü ist, eine Situation, die sich durch die schwere Krise und Zahlungsunf√§higkeit der Kunden nat√ľrlich zuspitzte. Anbieter von Produkten sekund√§rer Wichtigkeit, wie z.B. Buchhandlungen, deren Ums√§tze sich radikal reduziert hatten, sahen ebenfalls Vorteile im Trueque. Frau Maruelli berichtet aus Fr√≠as:
Tuvimos quioscos, despensas que se juntaron al trueque. Ten√≠an un cartel diciendo ‚Äėadheridos al club del trueque‚Äô. Pero ellos pusieron un tope de venta. Ellos dec√≠an, bueno, vamos a aceptar hasta un 15% de nuestras ganancias en cr√©ditos. Dentro del sistema obtuvieron servicios. Servicio de alba√Īiler√≠a, algunos compraron ladrillos, servicio de electricidad. Hab√≠a gente que se ahorr√≥ hasta 2000$. Sobre todo los que estaban construyendo. [80]

Durch die Aufspaltung der Preise in einen Peso- und einen Cr√©dito-Anteil reduzierten sich f√ľr den Verbraucher die Ausgaben in der knappen offiziellen W√§hrung, w√§hrend die Cr√©ditos f√ľr sie leicht zu generieren waren. Ihre Zahlungsf√§higkeit verbesserte sich, wodurch die beteiligten Gesch√§fte ihren Absatz wieder steigern konnten. Von den Einnahmen in der Tauschw√§hrung deckten diese Gesch√§fte einen Teil ihrer Versorgung √ľber die Nodos ab und reduzierten so selbst ihre Ausgaben in Peso. Die Verbilligung ihrer Produkte lie√ü sie oftmals im Preiskampf gegen ans√§ssige gro√üe Supermarktketten, die auf hundertprozentiger Zahlung in der Landesw√§hrung bestehen m√ľssen, erstarken. [81] Hier wird gleichzeitig die Bedeutung der Parallelw√§hrung f√ľr die lokale √Ėkonomie deutlich.
Im Dienstleistungssektor wurden bereits selbst√§ndige √Ąrzte, Handwerker, aber auch der Tourismusbereich erw√§hnt. Zahlreiche Hotels fanden durch die anteilige Akzeptanz von Cr√©ditos einen Ausweg aus ihrer prek√§ren Lage. Sie konnten ihre Betten wieder f√ľllen und erneut Eink√ľnfte ‚Äď auch in Peso ‚Äď erzielen. Mit den Cr√©ditos erwarben sie Leistungen auf den lokalen Tauschm√§rkten und gingen au√üerdem dazu √ľber, ihre Mitarbeiter teilweise in der Parallelw√§hrung zu entlohnen. Mabel von Turismo en la Red beschreibt die Situation:
A partir de mediados del 2000 los hoteles empezaron a adherirse. De pronto, también nuestros créditos les servían para mano de obra en la misma costa. Mucha gente estaba adherida, había electricistas, pintores, de todo. Con estos créditos le pagaron a la gente. Y han arreglado un monton, principalmente en la costa y en Mendoza. [...] En muchos casos los hoteles también pagaron a sus empleados mitad y mitad en creditos y los empleados iban a los nodos y conseguían lo que necesitaban para vivir. [82]

Industrie und Landwirtschaft: Im landwirtschaftlichen Bereich arbeitete die RGT mit mehreren Fincas verschiedener Provinzen zusammen. Ihre Betreiber hatten vor allem zur Erntezeit durch den verst√§rkten Einsatz von Arbeitskr√§ften h√§ufig h√∂here Kosten als sie Einnahmen f√ľr ihre Produkte erzielten. Daneben verf√ľgten sie auch nicht √ľber die notwendige Liquidit√§t, um Erntehelfer einzustellen, mit dem Ergebnis, dass die Ernte unterblieb und Obst und Gem√ľse verfaulte. Diese Situation erscheint um so paradoxer, wenn man bedenkt, dass gleichzeitig in einigen Provinzen Todesf√§lle durch Unterern√§hrung von Kindern bekannt wurden. Die RGT bot den Produzenten einen zinslosen Kredit in Cr√©ditos an, mit dem sie die Hilfsarbeiter bezahlen konnten:
Estaba la fruta en los arboles y estaba la mano de obra pero no había dinero para pagarla. Con credito del club del trueque le pagamos a la gente para que cosechara, y la gente cosechó. [83]

Diese hatten nun Arbeit und ein Einkommen, das sie in den Nodos umsetzten. Der Betreiber selbst musste nat√ľrlich den Kredit wieder zur√ľckzahlen und bot somit seine Produkte ebenfalls auf den lokalen Tauschm√§rkten an, wo sie wiederum der Versorgung der Bev√∂lkerung dienten.
Die Tauschw√§hrung kann also einen lokalen unabh√§ngigen Arbeits-Versorgungs-Kreislauf erm√∂glichen. Dadurch wird die Selbst√§ndigkeit von Gemeinden gef√∂rdert, da durch die Nutzung lokaler Ressourcen und Produktionsm√∂glichkeiten die entsprechenden G√ľter nicht von au√üerhalb bezogen werden m√ľssen. Dementsprechend muss die Region f√ľr den Erwerb dieser Produkte auch keinen Exportstrom erzeugen, um die notwendigen Geldmittel zu generieren, mit denen sie ihre Nahrungsmittel au√üerhalb erwerben kann. [84]

Dieser autonome Kreislauf konnte ebenso mit der lokalen Industrie aufgebaut werden. Die radikale wirtschaftliche √Ėffnung Argentiniens in den 90er Jahren wirkte sich ja vor allem auf kleine und mittlere Unternehmen aus, die mit den Gro√ükonzernen nicht mehr mithalten konnten. Die zahlreichen Firmenpleiten verursachten gro√üe Arbeitsplatzverluste mit verheerenden Auswirkungen gerade in kleineren Orten. Spektakul√§r wurde daher die Rettung eines Unternehmens durch die Parallelw√§hrung. Der Familienbetrieb Lourdes S.A. mit Sitz in San Rafael, Provinz Mendoza (ca. 150000 Einwohner; 40 Nodos) hatte 40 Jahre lang Konserven, Marmeladen und Gelees hergestellt. 100 Arbeitspl√§tze waren an die Firma gebunden. Durch die Krise brach der Verkauf ein, Kredite waren nicht zu bekommen. Die Firma stand vor dem Konkurs. Um das Unternehmen wiederzubeleben, musste in einem ersten Schritt Geld in formaler W√§hrung f√ľr die Abdeckung von Fixkosten erworben werden. Ein Zulieferer, der die Firma regul√§r mit Pflaumen beliefert hatte, und nun die Ernte nicht mehr bezahlen konnte, akzeptierte den Zahlungsmodus in Cr√©ditos, mit denen er seine Arbeiter entlohnte und die Ernte durchf√ľhren konnte. Die Pflaumen wurden einem Kleinunternehmen zum Trocknen √ľbergeben, das ebenfalls mit Cr√©ditos bezahlt wurde. Die getrockneten Pflaumen wurden anschlie√üend in Buenos Aires gegen Pesos verkauft. ‚ÄěCon los pesos fuimos a San Rafael de Mendoza, pagamos la luz y el agua y compramos los primeros envases‚Äú [85], die Produktion wurde wieder m√∂glich. In einem zweiten Schritt wurde dem Inhaber ein zinsloser Kredit in Cr√©ditos angeboten. Damit konnten zun√§chst Reparaturarbeiten im Betrieb durchgef√ľhrt werden. Mit den Arbeitern der Fabrik kam man √ľberein, sie solange ausschlie√ülich in Cr√©ditos zu bezahlen, bis sich die Firma auf dem formalen Markt wieder refinanzieren k√∂nnte. Die Sozialbeitr√§ge wurden bereits mit den ersten Gewinnen des Unternehmens wieder geleistet. Die Produktion wurde zun√§chst mit 30 Arbeitern wieder aufgenommen, die je etwa 500 Cr√©ditos verdienten. Nach und nach erhielten sie einen Teil ihres Lohns in Peso. Die Produkte flossen teilweise in den Parallelkreislauf ein und wurden landesweit in verschiedenen Nodos gegen Cr√©ditos verkauft. Der Rest wurde gegen Peso abgesetzt.
A los cuatro meses le devolvimos la f√°brica al due√Īo y demostramos que hab√≠amos logrado poner en marcha la f√°brica casi enteramente con cr√©ditos, cuando el sistema formal la hab√≠a expulsado y no hab√≠a cr√©dito. Pensamos: el empresario estaba fundido, el banco no cobraba, las ciruelas se ca√≠an, el secador de ciruelas no ten√≠a producci√≥n, los obreros estaban parados - y con eso se puso en marcha todo. [86]

Das Unternehmen vollzog also einen fast kompletten R√ľckzug in die Parallelwirtschaft und reduzierte so seine Kosten praktisch auf die Fixkosten. Dies ist sicherlich ein extremes Beispiel. Im Normalfall einer Zusammenarbeit zwischen Trueque und Unternehmen w√ľrde man sicherlich bei der Bezahlung der Arbeiter ein ausgewogeneres bimonet√§res Modell w√§hlen, wie es die Zona Oeste mit einer Nudelfabrik handhabt:
La fábrica de fideo existía y existe. Nosotros aportamos la harina y pagamos una parte de la mano de obra en créditos y la otra parte en plata...el 50% en créditos y otro 50% en plata. En la fábrica trabajan 30 personas. La fabrica tenía una capacidad de 10000 paquetes diarias. Bueno, hacían 7000 para el mercado formal y 3000 para el trueque. La parte en plata era la que generaban los costos fijos de los insumos que no se podían conseguir en créditos. Esto era el punto óptimo de producción para que la fábrica no llegara a pérdida. [87]

An diesen Beispielen ist deutlich zu sehen, dass die komplement√§re Nutzung der Parallel√∂konomie mit ihrer eigenen W√§hrung und ihrem Versorgungssystem ein Sicherheitsmechanismus f√ľr Gesch√§fte und Unternehmen sein kann, deren Bestehen im offiziellen System unsicher ist. Sie k√∂nnen sich in den Schutzbereich der Parallelwirtschaft zur√ľckziehen, dadurch Kunden gewinnen und Kostensenkungsvorteile ausnutzen. Durch die Reduzierung der Kosten k√∂nnen Produkte billiger angeboten werden oder gespartes Geld f√ľr Reinvestitionen verwendet werden, um sp√§ter im regul√§ren System wieder besser Fu√ü fassen zu k√∂nnen. Voraussetzung ist allerdings ein relativ gro√üer Tauschmarkt mit breiter Produktvielfalt, so dass Unternehmen f√ľr sie interessante Leistungen in den f√ľr sie notwendigen Mengen erhalten k√∂nnen. Nur dann kann auch erwogen werden, Arbeitskraft in der Parallelw√§hrung zu entlohnen, wobei dies dennoch aus zwei Gr√ľnden problematisch bleibt: Erstens haben Arbeitnehmer in extremen Krisensituationen wie Argentinien sie erlebt, keine Wahlm√∂glichkeit. Sie akzeptieren entweder die Cr√©ditos oder gehen aufgrund der Liquidit√§tsprobleme des Unternehmens leer aus. Sie sind gezwungen, eine W√§hrung anzunehmen, deren Akzeptanz sich auf determinierte Kreise beschr√§nkt. Dadurch bleiben sie zweitens ‚Äěprivados de consumir ciertos productos que en este mercado no pueden encontrarse‚Äú [88]. Damit die Betroffenen auch weiterhin auf dem herk√∂mmlichen Markt konsumieren k√∂nnen, d√ľrfen die L√∂hne daher nur anteilig in der Parallelw√§hrung ausbezahlt werden.

4. Soziale Funktionen des Trueque

4.1 Subjektives Wohlbefinden und soziale Kompetenzen

Von allen Befragten eindringlich betont wurden die positiven Auswirkungen des Trueque auf das individuelle Wohlbefinden der Prosumenten. Subjektive Folgen der Arbeitslosigkeit k√∂nnen ausgeglichen werden. Der Einzelne kann in seiner neuen Aufgabe einen geregelten Tagesablauf aufbauen, den Wert seiner Arbeitskraft wiedererkennen und bei anderen Anerkennung finden. Viele der Teilnehmer sind entweder Hausfrauen oder haben bedingt durch Arbeitslosigkeit eine lange Zeit hinter sich, die sie meist zuhause verbrachten und kaum Kontakte zur Au√üenwelt hatten. Daher kamen sie oft in einem sehr deprimierten Zustand zum Nodo. F√ľr sie ist der Nodo eine Br√ľcke, um neue soziale Kontakte und Freundschaften zu gr√ľnden und aus dem einsamen Gr√ľbeln herauszufinden. Sie f√ľhlen sich in der Gruppe als Gleiche unter Gleichen, ‚Äědonde encuentran lugar‚Äú [89].
Empezar con el microemprendimiento fue un gran desaf√≠o [...] pero lo logr√© y eso hizo crecerme y sentirme √ļtil. El trueque para mi es como una familia porque en la familia tambi√©n se ayudan todos. Y nos contamos nuestras cosas, nuestras preocupaciones, nuestros amores. [90]

Dieser Aspekt gewinnt zus√§tzliche Bedeutung, wenn man bedenkt, dass sich durch die Verarmung der Prosumenten ja auch ihre M√∂glichkeiten sozialer Aktivit√§ten deutlich verringert haben. Freizeitorte wie Kinos, Restaurants oder Bars sind f√ľr die meisten seit langem nicht mehr erschwinglich. Die positiven Auswirkungen auf das seelische Wohl k√∂nnen wiederum auch auf das leibliche Wohlbefinden r√ľckwirken:
Yo estuve en el sistema porque pienso que es una salida. Pienso que evita enfermedades como la depresi√≥n o los vicios, porque muchos vicios solamente se inician porque uno no encuentra, qu√© hacer. Tambi√©n tiene un efecto recreativo. Y la experiencia de conocer a otras personas y de sentirse √ļtil es de un valor incalculable para el individuo. [91]

F√ľr einige ist die Gemeinschaft im Club auch die erste Erfahrung, sich partizipativ in eine Gruppe einzuf√ľgen und einen Platz in einer sozialen Organisation zu finden. Trotz ihrer Schwierigkeiten, sich selbst finanziell √ľber Wasser zu halten, beginnen sie, sich solidarisch f√ľr die Belange anderer einzusetzen und einander zu helfen. Anders als vermutet, wird gerade auch in den Nodos der armen Stadtteile diese Solidarit√§t beobachtet, obwohl das prim√§re Teilnahmemotiv dieser Prosumenten ihre extreme Versorgungsnotlage ist. Im Laufe ihrer Tausch-Erfahrung erkennen sie aber zunehmend, dass sie durch den Trueque zum ersten Mal die M√∂glichkeit haben, selbst aktiv zu geben und nicht l√§nger als Mittellose nur in der Rolle der passiven Empf√§nger von Hilfsleistungen sein zu m√ľssen. [92]

4.2  Nachbarschaftshilfe und soziale Sicherheit im Barrio

Da sich die Nodos in allen Stadtvierteln (spanisch: ‚ÄěBarrios‚Äú) organisierten, um die Anfahrtswege der Prosumenten m√∂glichst gering zu halten, erm√∂glichen sie die Wiederaufnahme der sozialen Beziehungen innerhalb des Viertels. In vielen Vierteln f√ľhrte der krisenbedingte Anstieg von Drogenkonsum und Kriminalit√§t dazu, dass ‚Äěla gente comience a perder la confianza en sus vecinos, lo cual da√Īa o resiente aun m√°s las relaciones de reciprocidad que se establec√≠an entre ellos‚ÄĚ [93]. Nachbarschaftsbeziehungen und damit nachbarschaftliche Hilfsleistungen aber auch die M√∂glichkeit als Barrio geschlossen aktiv zu werden, um gemeinsame Ziele (wie infrastrukturelle Verbesserung) zu erreichen, wurden oft abgebrochen, was die individuelle materielle und immaterielle Situation zus√§tzlich belastete. Fehlender sozialer Halt wiederum kann ein Abgleiten in die Kriminalit√§t beschleunigen. Im Nodo traf man die bekannten Gesichter von fr√ľher wieder. Dort war auch Zeit, um miteinander ins Gespr√§ch zu kommen:
Te digo, yo antes no conocía a la gente del barrio, sólo a los vecinos de mi cuadra, pero mucho ya no hablamos tampoco. Pero más allá de mi cuadra ya no. Y cuando puse el nodo, de repente nos conocimos todos. [94]

Die positiven Auswirkungen des Trueque auf das individuelle Wohlbefinden und die sozialen Netzwerkstrukturen einer Wohnsiedlung sind nicht zu unterschätzen. In vielen Fällen schätzen Prosumenten den immateriellen Wert des Trueque sogar höher als den eigentlichen materiellen Nutzen, den sie aus ihm ziehen. [95]

5.  Zusammenfassung

Der Trueque bietet vor allem bis zu seinem Einbruch den Nutzern M√∂glichkeiten, die sie in der regul√§ren Wirtschaft nicht oder nur mehr eingeschr√§nkt haben. Er leistet einen wesentlichen Beitrag zur Schlie√üung von Versorgungsl√ľcken und er√∂ffnet einen Ausweg aus den Engp√§ssen des Arbeitsmarkts. Er ist ein R√ľckzugsraum f√ľr Selbst√§ndige, Microemprendimientos und Unternehmen, die durch die parallele Nutzung von herk√∂mmlicher und komplement√§rer √Ėkonomie ihren Kundenkreis vergr√∂√üern und ihre Betriebskosten reduzieren k√∂nnen, wodurch sie an Stabilit√§t und Wettbewerbsf√§higkeit in der regul√§ren Wirtschaft gewinnen und Arbeitspl√§tze erhalten werden. Durch die geringen Anforderungen an Produktion und Effizienz werden innerhalb der Parallelwirtschaft eine Vielzahl neuer Besch√§ftigungsm√∂glichkeiten geschaffen, deren Leistungen in der herk√∂mmlichen Wirtschaft unterbleiben w√ľrden, obwohl sie in der Lage sind, Bed√ľrfnisse zu befriedigen und damit Nutzen zu stiften. Der Arbeitsleistung der Teilnehmer wird hoher Wert beigemessen. Sie werden erneut bef√§higt, ihre F√§higkeiten und ihr Wissen in nutzenstiftende T√§tigkeiten zu verwandeln, die wiederum der Versorgung anderer Teilnehmer dienen. Der Leistungsaustausch erfolgt dabei √ľber den Cr√©dito, der somit nach der These Lietaers als neues Tauschmittel der begrenzten Liquidit√§t der Prosumenten ein Ende setzt und brachliegendes Arbeitspotential und unbefriedigte Bed√ľrfnisse erneut zusammenf√ľhrt. Durch die Wichtigkeit von Gemeinschaft und Solidarit√§t vermag der Trueque das individuelle Wohlbefinden der Teilnehmer sowie den nachbarschaftlichen Zusammenhalt zu st√§rken. Es wird klar, dass die Tauschclubs nicht ausschlie√ülich nur nach √∂konomischen Gesichtspunkten beurteilt werden d√ľrfen, sondern dass sie gerade ‚ÄěAspekte integrieren, die vom offiziellen Wirtschaftssystem heruntergespielt oder ignoriert werden‚Äú [96]. Somit kann der Trueque als zivile Selbsthilfeorganisation charakterisiert werden, in der sich B√ľrger in Eigeninitiative organisieren, um mit ihrer eigenen Leistung einen Ausweg aus der Wirtschaftskrise zu finden. Die Parallel√∂konomie funktioniert komplement√§r zur herk√∂mmlichen wettbewerbsorientierten Wirtschaft und erg√§nzt diese, indem sie die Ausgeschlossenen dieses regul√§ren Systems auff√§ngt und durch ein anderes Werteschema den Fokus auf eine kooperative Wirtschaft legt.

 

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Anmerkungen

[37] Jos√© L. Coraggio, ‚ÄěLas redes de trueque como instituci√≥n de la Econom√≠a Popular‚ÄĚ, in: Hintze, Susana (Hg.), Trueque y Econom√≠a Solidaria, Universidad Nacional de General Sarmiento, San Miguel, Buenos Aires 2003 (in Druck), S. 263

‚ÄěAls Ergebnis der fehlenden Nachfrage nach Arbeit oder nach den Produkten und Dienstleistungen, die in Eigenarbeit erbracht werden k√∂nnen, fehlen einem Bev√∂lkerungsteil Eink√ľnfte. Aber die Kapazit√§ten sind vorhanden, ebenso wie die unbefriedigten Bed√ľrfnisse. Das Problem ist, sie wieder zusammenzuf√ľhren.‚Äú (eigene √úbersetzung)

[38] BernardLietaer, Das Geld der Zukunft, New York 1999, S. 260

[39] Vgl. Lietaer, S. 260f.

[40] Lietaer, S. 259

[41] Die Probleme dieser Geldpolitik werden unter IV.3 analysiert.

[42] Vgl. Laura Vales, ‚ÄěPlan Jefes y Jefas de Hogar ‚Äď Pro y contra de un seguro‚Äú in:P√°gina12, 12. 05. 2002 unter:
www.pagina12web.com.ar/buscador/ver.php?idnota=5040&idsec=1&fecha=2002-05-12, 18. 06. 2002; Voraussetzung ist die Konvertibilit√§t von 1:1 zwischen Peso und Cr√©dito. In der Realit√§t wurde diese √Ąquivalenz nie vollst√§ndig erreicht, korrekterweise w√ľrde der Einzelne daher z.B. 60$ in Form von 70¬Ę erhalten und somit das zus√§tzliche Einkommen unter 50$ liegen.

[43] Zum Thema Arbeit und Besch√§ftigung siehe ausf√ľhrlich unter III.3.

[44] Vgl. Gonz√°lez Bombal, S. 284ff.

[45] Interview vom 03. 06. 2003 mit Mercedes Gomez, Koordinatorin des Nodo ‚ÄěLa Estaci√≥n‚Äú in Chacarita, Buenos Aires Capital. Der Club wurde 1999 gegr√ľndet und umfasste zu Beginn des Jahres 2002 √ľber 4000 Prosumenten. Er war einer der gr√∂√üten Nodos in Buenos Aires Capital. ‚ÄěHier in Chacarita gab es alles. Wir hatten alles an Lebensmitteln, Obst, Gem√ľse, Fleisch, was wei√ü ich. Weiter gab es auch Friseure, Maurer, √Ąrzte, [...]. Ich habe ebenfalls alles f√ľr meine Familie gekauft. Das Obst, das Gem√ľse, Brot, viel musste ich nicht mehr au√üerhalb kaufen. Pro Woche, w√ľrde ich sagen, dass ich fast 50% meiner normalen Ausgaben sparte.‚Äú (eigene √úbersetzung)

[46] Interview vom 24. 06. 2003 mit Enzo Pellegrini, 59, aus Chacarita, Buenos Aires Capital, ehemaliger Bankangestellter. Er hat derzeit keine regelm√§√üige Eink√ľnfte, da er das Mindestalter f√ľr Rentenbezug noch nicht erreicht hat und lebt daher vor allem von den Eink√ľnften seiner Familie (Eltern und Geschwistern), die Landwirtschaft in der Provinz Santa Fe betreibt. Er kann den Beitrag des Trueque nicht genau beziffern.
‚ÄěIch begann mit dem Trueque, weil ich 1999 meine Arbeit verlor. Ich nahm jede Woche an verschiedenen Nodos teil. Und der Trueque gab mir zum Leben ‚Äď sogar mehr als genug! Das Geld, das ich hatte, verwendete ich praktisch nur f√ľr die Kosten von Strom, Gas, Telefon und alles, was die Wohnung betrifft. Und vom Rest kaufte ich die Sachen, die ich im Trueque nicht bekam, aber das waren sehr wenige, z.B. Apothekenprodukte oder Seife und Shampoo. Aber die Lebensmittel kaufte ich fast alle im Trueque. Nur das Fleisch musste ich au√üerhalb kaufen.‚Äú (eigene √úbersetzung)

[47] Interview vom 14. 07. 2003 mit Mar√≠a Cristina Rinaldi, Prosumentin und Koordinatorin des Nodo ‚ÄěManos Creativas‚Äú im Stadtteil Belgrano, Buenos Aires Capital. Sie gibt an, √ľber den Tauschhandel 70% ihrer Haushaltsausgaben abgedeckt zu haben.
‚ÄěEs gab viele Leute, die vom Nodo lebten, die Leute k√§mpfen, um ein wenig mehr zu haben. Es gibt Leute, denen es sehr gut ging, und die jetzt keine Arbeit haben. Ich musste auch eine Zeit lang vom Nodo leben. F√ľr mich war der Trueque immer eine parallele Sache. Mir hat er viel geholfen, in einem bestimmten Moment hatte ich den offiziellen Markt nicht und musste von dem leben, was mir der Trueque gab. Und dann hatte ich Probleme mit den Nebenkosten. Und was machte ich? Ich lebte vom Trueque und verwendete das, was ich auf dem herk√∂mmlichen Markt bekam, f√ľr die Nebenkosten.‚Äú (eigene √úbersetzung)

[48] Mar√≠a Christina Rinaldi, bereits zitiertes Gespr√§ch; ‚ÄěIch habe mir auch die Frage gestellt, wie ich produzieren und investieren kann. Ich, z.B., fertigte Jogging-Anz√ľge, na ja, und der Stoff ist sehr teuer, und manchmal bekam ich ihn nicht im Nodo. Wie schaffe ich es dann, die Auftr√§ge zu bedienen? Und ich fing an nachzudenken und sagte mir: ‚Äögut, was muss ich auf der Stra√üe ausgeben? Yerba, Zucker und diese Sachen bekam ich im Nodo, Kleidung auch, daf√ľr musste ich kein Geld mehr ausgeben. Von diesem Geld kaufte ich den Stoff.‚Äú (eigene √úbersetzung)

[49] Leoni, S. 28; ‚ÄěNotlage in der Nahrungsmittelversorgung‚Äú

[50] Interview vom 13. 05. 2003 mit Elisa Auat, 45, aus Santiago del Estero, ohne Arbeit. Ihre zehnköpfige Familie lebt in einem heruntergekommenen Häuschen mit zwei Zimmern. Das Gesamteinkommen der Familie beträgt ca. 300$ im Monat, ist aber sehr unregelmäßig. Sie gibt an, ihre monatlichen Ausgaben um bis zu 100$ durch den Trueque reduziert zu haben.
‚ÄěFr√ľher verkaufte ich Schnitzel, Soja-Schnitzel, Teigtaschen und S√ľ√üspeisen auf der Stra√üe. Davon lebten wir. Aber nach [der Abwertung] stiegen die Preise f√ľr Mehl und diese Dinge so an, dass ich meine Preise auch anheben musste. Dadurch kauften mir die Leute die Sachen nicht mehr ab. Dann verkaufte ich sie in den Nodos gegen Cr√©ditos und dort kaufte ich von den Cr√©ditos Obst, Gem√ľse, Kleidung, ein paar Grundnahrungsmittel. In dieser Zeit hatten wir zu essen, der Trueque gab uns. [...] Aber jetzt habe ich fast keine Eink√ľnfte mehr, manchmal reicht es nicht f√ľr das Essen.‚Äú (eigene √úbersetzung)

[51] Interview vom 18. 06. 2003 mit Sandro Garc√≠a, 27, aus Capital Federal, arbeitslos. Er lebt vom Verkauf von Konserven, Marmeladen und Popcorn, die er, seine Schwester und seine Mutter zuhause produzieren. Er macht keine Angaben zum monatlichen Einkommen seiner Familie ‚ÄěDank dem Trueque konnte ich mich √ľber Wasser halten. Was ich anhabe, habe ich vom Trueque. Ich kann mir keine Kleidung kaufen, daf√ľr habe ich nicht einen Pfennig. Schau, gerade habe ich diese Schuhe getauscht, schau mal, wie gut sie mir passen. Ich sag dir, fr√ľher, letztes Jahr, hatte ich keine langen Haare. Im Nodo gab es Friseure, die mir die Haare schnitten. Wenn der Trueque so wie fr√ľher best√ľnde, h√§tte ich jetzt keine langen Haare.‚Äú (eigene √úbersetzung)

[52] Zahl erhoben von Superintendencia de Servicios de Salud, ver√∂ffentlicht in: Candelaria de la Sota, ‚ÄěUn negocio que crece: salud para los que no tienen obra social‚Äú, in: Clar√≠n, 23. 06. 2003, S. 8

[53] Vgl. Angaben mehrerer Gesprächspartner verschiedener Provinzen Argentiniens.

[54] Vgl. Angaben der Koordinatoren verschiedener Nodos.

[55] Gonzalez Bomb√°l, S. 305; ‚ÄěKonsumsph√§re‚Äú (eigene √úbersetzung)

[56] Elisa Auat, bereits zitiertes Gespr√§ch; ‚ÄěAb und zu konnte ich sogar ein kleines Geschenk kaufen, z.B. diesen Notizblock mit Holzr√ľcken, den kann man an die Wand h√§ngen. Jetzt kann ich an so etwas nicht einmal denken, jetzt habe ich nicht einmal Geld, um Essen zu kaufen, schau, wie wir hier leben.‚Äú

[57] Interview vom 22. 05. 2003 mit Estela Arevalo, 37, aus Santiago del Estero, ehemalige Koordinatorin eines Clubs. Sie lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in einem √§rmlichen Stadtviertel. Sie macht keine Angaben zu ihren monatlichen Eink√ľnften, gibt aber an, durch den Tauschhandel ihre w√∂chentlichen Ausgaben in Peso um 20 bis 30$ reduziert zu haben.
‚ÄěDie Dekorationssachen, die du hier im Haus siehst, sind alle vom Trueque. Das Bild da, die Vase mit der Plastikblume, [...], alles vom Nodo. So ist es gleich viel sch√∂ner.‚Äú (eigene √úbersetzung)

[58] Enzo Pellegrini, bereits zitiertes Gespr√§ch; ‚ÄěIch konnte auch die Baddecke streichen lassen. Er verlangte 50¬Ę und 10$. Das war sehr, sehr wenig. Es gab Leute, die die ganze Wohnung f√ľr Cr√©ditos streichen lie√üen, in der guten Zeit. Ganze H√§user wurden mit dem Trueque gebaut. Es gab Leute, die sogar H√§user, [gebrauchte] Autos oder Jeeps f√ľr Cr√©ditos kauften.‚Äú (eigene √úbersetzung)

[59] Interview vom 02. 07. 2003 mit Mabel Marani aus Quilmes, verwitwet mit drei Kindern. Sie konnte sich √ľber den Trueque ihren B√ľroraum einrichten und Reparaturen an ihrem Haus durchf√ľhren lassen. ‚ÄěUnsere Tours schlie√üen alles mit ein, so dass die Leute keine zus√§tzlichen Kosten haben. Eine Reise nach Mar del Plata, z.B., das Busticket kostet 38$, 38$ f√ľr die Hinfahrt und weitere 38$ die R√ľckfahrt. Und wir fuhren f√ľr 70$ und 40¬Ę, die drei Tage, inklusive Mahlzeiten, Ausfl√ľge und Hotel. Bis jetzt sind 2900 Personen vom Trueque mitgefahren. Einmal nahmen wir einen Maler mit seiner ganzen Familie an die K√ľste. Er arbeitete bis um ein Uhr und so zahlte er seine Reise. Es gab Leute, die 74 Jahre alt waren und das Meer nicht kannten und sie konnten fahren, mit selbstgebackenem Brot. Sie buken Brot und nahmen es mit. Mit ihrer Arbeit reduzierten sie die Kosten.‚Äú (eigene √úbersetzung)

[60] Interview vom 19. 06. 2003 mit Carlos del Valle, langjähriger Koordinator und Schulungsleiter der RTS
‚ÄěIm Trueque gibt es keine Arbeit, aber durchaus Besch√§ftigung.‚Äú (eigene √úbersetzung)

[61] Interview mit betroffenen √Ąrzten, Architekten und Buchhaltern von Sergio Dimar√≠a, ‚ÄěEn Mendoza ‚Äď Arquitectos, m√©dicos y contadores en el trueque. Se incorporaron 300 profesionales‚ÄĚ in: La Naci√≥n, 05. 08. 2002, S. 15;
‚ÄěDer Austausch mit den Prosumenten gibt uns Hoffnung, mit W√ľrde weiterarbeiten zu k√∂nnen, da es heute einfach keine Kunden gibt. Jetzt k√∂nnen wir Professionelle und Produzenten an die Leute rankommen. [...] Das ist die L√∂sung f√ľr die Professionellen, die keine Arbeit haben, und auch f√ľr den Patienten, der in voller W√ľrde seinen Arztbesuch mit dem bezahlen kann, was er hat, n√§mlich mit den Cr√©ditos des Trueque.‚Äú (eigene √úbersetzung)

[62] Interview vom 02. 07. 2003 mit Estela Maris, Koordinatorin des Nodo ‚ÄěEl Camino‚Äú in Merlo Norte, Gro√üraum Buenos Aires. Der Club geh√∂rt dem Netzwerk der ZonaOeste an.
‚ÄěHier im Nodo gibt es ziemlich viel Produktion von Kleidung und Schuhen. Die Leute, die diese Dinge herstellen, k√∂nnen sie nicht an H√§ndler des regul√§ren Marktes verkaufen, weil diese Quantit√§t und Qualit√§t fordern und au√üerdem nur von Zulieferern kaufen d√ľrfen, die offiziell registriert sind und damit Quittungen ausstellen d√ľrfen. Daher k√∂nnen sie ihre Produkte nur an Privatkunden verkaufen, was in Krisenzeiten auch nicht so einfach ist, weil die Leute kein Geld haben. Was man dann nicht am Markt gegen Geld verkaufen kann, verkauft man im Nodo.‚Äú (eigene √úbersetzung)

[63] Erinnern wir uns, dass der Anteil der Frauen in den Nodos sehr hoch ist.

[64] Nicol√°s L. Strangis, El Club del Trueque, Quilmes, Buenos Aires 2002, (unver√∂ffentlichtes Dokument), S. 10 ‚Äěerm√∂glichen einen wichtigeren Einfluss der Frauen im Erwerb des Lebensunterhalts des Haushalts und befreien sie au√üerdem in gewissem Rahmen aus der Abh√§ngigkeit von ihren Ehem√§nnern in der patriarchalischen Gesellschaft.‚Äú (eigene √úbersetzung)

[65] Interview vom 11. 05. 2003 mit Marcela Maruelli aus Fr√≠as, Provinz Santiago del Estero, ehemalige Koordinatorin; ‚ÄěWir haben gro√üen Nachdruck auf die Selbst√ľberwindung gelegt und sind von dem ausgegangen, was wir lernen k√∂nnen und von dem, was wir bereits gelernt haben aber noch nicht in die Praxis umgesetzt haben. Die Leute mussten sich bewusst werden, dass sie mehr konnten. Zum Beispiel gab es Leute, die ihre wirtschaftliche Situation sehr bedr√§ngte. Na ja, da sagte ich: ‚ÄöGeht zu Euren Nachbarn und bittet sie um Brot, reibt es und dann habt Ihr geriebenes Brot (=Semmelbr√∂sel).‚Äô Es gab Leute, die bereits zubereitete Schnitzel zum Nodo brachten, aber auf den herk√∂mmlichen Markt gehen mussten, um Semmelbr√∂sel zu kaufen, wo doch diese Person, die die Semmelbr√∂sel anbieten k√∂nnte, Cr√©ditos erhalten k√∂nnte und sich n√ľtzlicher f√ľhlen w√ľrde.

[66] Vgl. Angela Dragón, Como hacer un microemprendimiento sin morir en el intento, unter:
http://www.truequeenlinea.com.ar/micro/index.htm, 27. 03. 2003

[67] Vgl. Eduardo Hecker, Hacia el desarrollo económico, Catálogos, Buenos Aires 2003, S. 238f.

[68] Vgl. Coraggio, S. 271

[69] In der Realität wurde dieses Potential zur Förderung der Microemprendimientos leider oft nicht optimal ausgeschöpft.

[70] Montserrat ist ein Viertel der verarmten Mittelklasse. Der Nodo, geleitet von Frau Beatriz Bertaccini, existiert seit Februar 2002 und hat ca. 50 ‚Äď 60 Teilnehmer. Die meisten sind Hausfrauen oder haben ihre Arbeit verloren. Die Microemprendimientos verkaufen ca. 80% ihrer Produkte gegen Pesos, den Rest gegen Cr√©ditos. Sie haben ehrgeizige Ziele, z.B. plant das Keramik-Projekt den Export von 100 Weihnachtskrippen.

[71] Vgl. Interview vom 07. 07. 2003 mit Fernando Sampayo, Gesch√§ftsf√ľhrer des Trueque Zona Oeste. Die Leitung des Microemprendimientos √ľbernahm in diesem Fall die Zona Oeste selbst, w√§hrend die Emprendimientos des Nodo Montserrat eigenst√§ndig agieren. Bei abh√§ngigen Microemprendimientos besteht nat√ľrlich die Gefahr einer Ausbeutung der Arbeiter durch Unterbezahlung und Gewinnabsch√∂pfung seitens der Gesch√§ftsleitung. Einige Gespr√§chspartner wiesen auf derartige F√§lle hin.

[72] Fernando Sampayo, bereits zitiertes Gespr√§ch; ‚ÄěWir kauften den Weizen und lie√üen ihn zu Mehl verarbeiten. Die Arbeitskraft hierf√ľr bezahlten wir mit Mehl. Ein 50 kg-Sack Mehl, der auf dem herk√∂mmlichen Markt 40$ kostete, war f√ľr uns f√ľr 25$ zu haben. Das erlaubte uns, alle Kosten zu reduzieren.‚Äú (eigene √úbersetzung)

[73] Interview vom 09. 06. 2003 mit Beatriz Bertaccini, Leiterin des Nodo ‚ÄěMontserrat‚Äú in Buenos Aires Capital; ‚ÄěF√§higkeit zum Selbstmanagement‚Äú (eigene √úbersetzung)

[74] Zentrum zur Unterst√ľtzung von Microemprendimientos

[75] Microemprendimientos erhalten 200$ im Monat.

[76] Schnelle Information per Internet ist in der Regel durch Unkenntnis oder schlechten Zugang kaum möglich. Telefonisch sind Informationen dieses Umfangs schwer vermittelbar. Daher bleibt in der Regel nur der Direktweg zu den städtischen Behörden, was unter Umständen mit großem Zeitaufwand und hohen Transportkosten verbunden ist.

[77] Interview vom 11. 06. 2003 mit Graciela Mart√≠nez, 46, ehemalige Prosumentin aus Quilmes; ‚ÄěZu einem bestimmten Zeitpunkt ging es mir sehr schlecht, ich hatte keine Arbeit. Im Trueque lernte ich, dass jeder etwas produzieren kann. Und ich fing an, nachzudenken: Was kann ich produzieren? Was taugt f√ľr den regul√§ren Markt? Und da kam ich auf Soja. Es gibt kein Produkt, das billiger und n√ľtzlicher ist f√ľr die Leute. Ich bildete mich weiter, suchte nach Rezepten und Zulieferern und begann, mit meiner Familie Sojaprodukte f√ľr den Trueque, aber auch f√ľr den herk√∂mmlichen Markt zu produzieren. [...] Dann dachte ich: Wie kann ich im Wettbewerb auf dem regul√§ren Markt mithalten, dachte ich, und gut, ich verkaufte die Produkte billiger als andere Unternehmer, und so gab es mehr Leute, die kauften. Meine Kunden bekam ich fast alle √ľber die Leute vom Trueque. Ich rief alle meine Freunde vom Nodo an, und die sagten es an ihre Leute weiter, und so kam ich an K√§ufer. Dem Ganzen habe ich es zu verdanken, dass ich meine Familie auch in den Monaten, in denen mein Mann keine Arbeit hatte, √ľber Wasser halten konnte.‚Äú (eigene √úbersetzung)

[78] Interview vom 07. 06. 2003 mit Carlos de Sanzo, Mitbegr√ľnder der RGT in Bernal, (Quilmes, Buenos Aires).

[79] Hecker, S. 237; ‚Äěarbeitsschaffendes Potential‚Äú (eigene √úbersetzung)

[80] Marcela Maruelli, bereits zitiertes Gespr√§ch ‚ÄěWir hatten Kioske und Lager, die sich dem Trueque anschlossen. Sie hatten ein Schild, worauf stand ‚ÄöMitglied des Trueque-Clubs‚Äô. Aber sie setzten ein Verkaufslimit. Sie sagten, gut, wir werden bis zu 15% unseres Gewinns in Cr√©ditos akzeptieren. Im System erhielten sie Dienstleistungen. Maurerarbeiten, einige kauften Ziegel, Elektrizit√§tsarbeiten. Es gab Leute, die bis zu 2000$ sparten, vor allem diejenigen, die gerade bauten.‚Äú (eigene √úbersetzung)

[81] Interview vom 25. 06. 2003 mit Alberto Marino, Leiter der Fundación el Prosumidor in Mendoza.

[82] Mabel Marani, bereits zitiertes Gespr√§ch; ‚ÄěAb Mitte 2000 begannen die Hotels sich anzuschlie√üen. Ab da n√ľtzten ihnen unsere Cr√©ditos zur Bezahlung von Arbeitskraft an der K√ľste. Viele Leute waren beigetreten, es gab Elektriker, Maler, von allem etwas. Mit diesen Cr√©ditos bezahlten sie die Leute. Und sie haben einiges auf Vordermann gebracht, vor allem an der K√ľste und in Mendoza. [...] In vielen F√§llen bezahlten die Hotels auch ihre Angestellten zur H√§lfte in Cr√©ditos und die Angestellten gingen zu den Nodos und kauften, was sie zum Leben brauchten.‚Äú (eigene √úbersetzung)

[83] Interview vom 16. 06. 2003 mit Victor Solm√≠, ehemaliger Leiter von Trueque-Pymes der RGT. Trueque-Pymes k√ľmmerte sich gezielt um die Integration von Unternehmen in das Tauschnetzwerk. Solm√≠ ist selbst Gesch√§ftsf√ľhrer eines Unternehmens.

[84] Vgl. Richard Douthwaite / Hans Diefenbacher, Jenseits der Globalisierung ‚Äď Handbuch f√ľr lokales Wirtschaften, Mainz 1998, S. 74

[85] Victor Solm√≠, bereits zitiertes Gespr√§ch; ‚ÄěMit den Pesos gingen wir nach San Rafael de Mendoza, zahlten Wasser und Strom und kauften die ersten Beh√§ltnisse.‚Äú (eigene √úbersetzung)

[86] Victor Solm√≠; durch den dramatischen Einbruch des Trueque ab Mitte 2002 nahm die Rettungsaktion der Firma Lourdes leider ebenfalls ein tragisches Ende, die Produktion steht seither still. ‚ÄěNach vier Monaten gaben wir die Fabrik ihrem Eigent√ľmer zur√ľck und zeigten, dass wir es geschafft hatten, eine Fabrik fast ausschlie√ülich mit Cr√©ditos wieder in Gang zu bringen. Wenn man bedenkt: Der Unternehmer war pleite, die Bank erhielt keine Tilgungszahlungen, die Pflaumen fielen vom Baum, der Pflaumen-Trockner produzierte nicht, die Arbeiter waren arbeitslos - und damit wurde alles in Gang gebracht.‚Äú (eigene √úbersetzung)

[87] Fernando Sampayo, bereits zitiertes Gespr√§ch; ‚ÄěDie Nudelfabrik existierte damals wie heute. Wir liefern das Mehl und zahlen die Arbeitskraft teils in Cr√©ditos, teils in Peso...50% in Cr√©ditos und die anderen 50% in Peso. In der Fabrik arbeiten 30 Personen. Die Fabrik hatte eine Produktionskapazit√§t von 10000 Packungen pro Tag. Sie produzierten 7000 f√ľr den regul√§ren Markt und 3000 f√ľr den Trueque. Der Teil gegen Geld war der, der durch die Fixkosten der Materialien n√∂tig wurde, die nicht f√ľr Cr√©ditos erworben werden konnten. Das war der Optimalpunkt der Produktion, bei dem die Fabrik keine Verluste hatte.‚Äú (eigene √úbersetzung)

[88] Ana Luz Abramovich / Gonzalo V√°zquez, ‚ÄěLa experiencia del trueque en la argentina: otro mercado es posible‚ÄĚ in: Central de Trabajadores Argentinos, Instituto de Estudios y Formaci√≥n (Hg.), Seminario de Econom√≠a Social, Begleitheft zum Seminar vom 4. 07. 2003, S. 42; ‚Äěausgeschlossen vom Konsum bestimmter Produkte, die in diesem Markt nicht zu finden sind.‚Äú (eigene √úbersetzung)

[89] Beatriz Bertaccini, bereits zitiertes Gespräch

[90] Graciela Mart√≠nez, bereits zitiertes Gespr√§ch; ‚ÄěMit dem Microemprendimiento zu beginnen, war eine gro√üe Herausforderung [...] aber ich habe es geschafft, und das lie√ü mich wachsen und mich n√ľtzlich f√ľhlen. Der Trueque ist f√ľr mich wie eine Familie, weil sich in der Familie auch alle helfen. Und wir erz√§hlen uns unsere Sachen, unsere Sorgen, unsere Lieben.‚Äú (eigene √úbersetzung)

[91] Marcela Maruelli, bereits zitiertes Gespr√§ch; ‚ÄěIch war im System, weil ich glaube, dass es ein Ausweg ist. Ich denke, es verhindert Krankheiten wie Depression oder die Laster, weil viele Laster erst anfangen, wenn man nicht wei√ü, was man tun soll. Au√üerdem hat es einen Erholungseffekt. Und die Erfahrung, andere Leute kennenzulernen und sich n√ľtzlich zu f√ľhlen, ist von unsch√§tzbarem Wert f√ľr das Individuum.‚Äú (eigene √úbersetzung)

[92] Leoni, S. 46; ‚Äědie Leute anfangen, das Vertrauen in ihre Nachbarn zu verlieren, was die gegenseitigen Beziehungen, die sich unter ihnen entwickeln, noch mehr sch√§digt.‚Äú (eigene √úbersetzung)

[93] Leoni, S. 46

[94] Interview vom 15. 05. 2003 mit Suzana Duran Diaz de Ledesma, ehemalige Koordinatorin des Nodo ‚ÄěModelo San Jorge‚Äú im Barrio ‚ÄěSmata‚Äú, einem Viertel der unteren Mittelklasse, in Santiago del Estero.
‚ÄěIch sag‚Äô dir, fr√ľher habe ich die Leute im Viertel nicht gekannt, nur die Nachbarn von meinem H√§userblock, aber viel sprachen wir auch nicht mehr. Aber √ľber meinen Block hinaus kannte ich niemanden mehr. Und als ich den Nodo √∂ffnete, lernten wir uns pl√∂tzlich alle kennen.‚Äú (eigene √úbersetzung)

[95] Das ist auch der Grund, warum die derzeit sehr kleinen Nodos der bonaerensischen Mittelklasse nicht zusammenbrechen. Obwohl die Teilnehmer keinerlei materielle Vorteile im Sinne von Kostenreduzierung verbuchen können, assistieren sie weiterhin regelmäßig dem Club.

[96] Lietaer, S. 259

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