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SOZIAL√ĖKONOMIE.INFO

Barbara Ro√ümei√ül: 
Tauschhandel in Argentinien | 
Kapitel I + II

I. Einf√ľhrung

II. Trueque ‚Äď Parallel√∂konomie in der argentinischen Wirtschaftskrise
1. Die Wirtschaftskrise Argentiniens ‚Äď Hintergr√ľnde und Ausma√ü
1.1  Die Auswirkungen der Wirtschaftspolitik der Neunzigerjahre
1.2  Die Aufhebung der Konvertibilit√§t ‚Äď Zuspitzung der Situation
2. El Trueque Argentino
2.1  Die Entwicklung des Tauschhandels in Argentinien
2.3  Das Modell des Trueque
2.2.1  Funktionsweise und Philosophie
2.2.2  Die Tauschw√§hrung
2.2.3  Soziostrukturelle Merkmale der Teilnehmer
Anmerkungen zu Kap. I + II

I. Einf√ľhrung

TRUEQUE
No hay dinero, no hay plata, non c'e soldi, no money,
no hay un cobre, no hay pasta, no hay un mango,
no hay vento.
Se ha vaciado la lata, se ha agujereado el bolsillo,
se ha empe√Īado el anillo, se venci√≥ el documento.
Por eso se√Īor: Yo le cambio esta guitarra por
el gorro y la bufanda que su esposa le tejió
con la aguja, con la lana que una chica en la otra
cuadra por su radio le cambió.
Y si Usted me pide le regalo mi esperanza,
si la suya no le alcanza porque a mi me sobra hoy.
No hay dinero, no hay plata, hay carteras vacías,
rotas las alcancías, las tarjetas en cero.
No hay para hoy ni ma√Īana moneditas ni cheques,
me empujaron al trueque como en mil setecientos.
Por eso se√Īor: Si le doy cuatro canciones no me
cuenta sus amores y los sue√Īos que olvid√≥.
Que tal vez trocando heridas por sus ganas,
por las mías, se consiga algo mejor.
 
Lied von Ignacio Copani

‚ÄúNo hay dinero‚ÄĚ ‚Äď ‚Äúes gibt kein Geld‚ÄĚ. Dieser Satz ist f√ľr Millionen Argentinier seit einigen Jahren die zentrale Sorge ihres allt√§glichen Lebens. Arbeitslosigkeit und Armut im Land am R√≠o de la Plata sind gr√∂√ütenteils die Folgen einer fehlerhaften Wirtschaftspolitik in den Neunzigerjahren. Seit 1998 befindet sich Argentinien dadurch in einer wirtschaftlichen Krise, die 2002 extreme Ausma√üe annahm und rund die H√§lfte der Argentinier zu einem Leben in Armut verbannt hat. In diesem Kontext begannen Tausende, sp√§ter Millionen, Zuflucht in den zahlreichen Tauschclubs zu suchen, die sich ausgehend von Buenos Aires in Privatinitiative im ganzen Land bildeten und zum Gro√üteil zu landesweiten Netzwerken zusammenschlossen. Das Funktionsprinzip dieses Tauschhandels (im Spanischen: ‚ÄěTrueque‚Äú) ist einfach: Die Mitglieder produzieren und konsumieren zugleich und werden daher in einem neuerfundenen Wort als ‚ÄěProsumenten‚Äú bezeichnet. Jeder muss im Tauschclub, der in Argentinien auch als ‚ÄěNodo‚Äú bezeichnet wird, Produkte oder Dienstleistungen anbieten, um Tausch-Tickets, die sogenannten ‚ÄěCr√©ditos‚Äúzu erhalten, mit denen er selbst wiederum Leistungen anderer Prosumenten erwerben kann. Den neuen Mitgliedern wird eine bestimmte Summe an Cr√©ditos als Startkapital zugeteilt, mit dem sie anfangen k√∂nnen. Die Bezeichnung Trueque bzw. Tauschhandel trifft genau genommen also nicht zu, da das System √ľber eine eigene W√§hrung verf√ľgt, wodurch es √ľber die einfache Form des Direkttausches hinausgeht und gewisserma√üen zu einer hochentwickelten Form des Tauschhandels wird. Bis 2002 war in den Tauschm√§rkten fast alles zu haben, und so wurde dieses System zu einer realen und lebensnotwendigen Alternative f√ľr einen beachtlichen Teil der Bev√∂lkerung. Neben der normalen Wirtschaft war ein paralleler, nicht unbedeutender informeller Wirtschaftskreislauf mit eigener W√§hrung entstanden. Diese Parallel√∂konomie stellte einerseits einen eigenst√§ndigen Markt dar, war gleichzeitig aber z.B. durch die Teilnahme zahlreicher Unternehmen auch mit der regul√§ren Wirtschaft eng verbunden. Gegen Ende des Jahres 2002 erfuhr das Tauschsystem einen abrupten Einbruch und befindet sich derzeit erneut in der Aufbauphase.
 
Das Modell des argentinischen Trueque steht in der Tradition zahlreicher Tausch- und Parallelw√§hrungssysteme weltweit. Bei ihrer Betrachtung f√§llt auf, dass sie vor allem in Krisenzeiten Aufschwung nahmen und gro√üe Erfolge erzielten. Bereits w√§hrend der Weltwirtschaftskrise in den Drei√üigerjahren sorgte unter anderem die √∂sterreichische Gemeinde W√∂rgl mit einem eigenen lokalen Notgeld f√ľr Schlagzeilen, mit dessen Hilfe die hohe Arbeitslosenquote der Gemeinde binnen eines Jahres um ganze 25% reduziert werden konnte. In den ersten Nachkriegsjahren des Zweiten Weltkriegs wurden vor allem im S√ľdwesten Deutschlands zahlreiche Tauschringe gegr√ľndet, die entweder in Form des Direkttausches oder √ľber Tauschbons funktionierten und zur Verbesserung der Versorgungslage eines gro√üen Teils der Bev√∂lkerung beitrugen.
Auch heute erfreuen sich Tauschringe und andere Parallelw√§hrungsexperimente wachsender Beliebtheit, gerade auch in den industrialisierten L√§ndern, wo ein immer gr√∂√üerer Teil der Erwerbsbev√∂lkerung von Arbeitslosigkeit betroffen ist, gleichzeitig aber staatliche Unterst√ľtzungsleistungen kontinuierlich abgebaut werden.
 
Der argentinische Trueque aber ist in seinem Umfang bislang das weltweit gr√∂√üte Projekt. Die positive Resonanz, welche die Erfolge dieses Systems in den argentinischen und internationalen Medien hervorriefen, gaben den Ansto√ü f√ľr diese Arbeit. Da es unm√∂glich war, von Deutschland aus an umfassende und aktuelle wissenschaftliche Literatur zu gelangen und sich der Trueque auch in Argentinien noch im Analysierungsprozess befand, wurde schnell klar, dass sich dieses Thema nur durch Feldforschung vor Ort bearbeiten lassen w√ľrde. Dies begr√ľndete einen dreimonatigen Forschungsaufenthalt in Argentinien, der dank der finanziellen Unterst√ľtzung des DAAD von Mai bis Juli 2003 stattfinden konnte. Ziel war es, vor allem zwei Fragen zu beantworten: Inwieweit konnte der Trueque bis zu seinem Zusammenbruch den Teilnehmern in einer Zeit, in der sie vermehrt gezwungen waren, nach neuen Wegen zu suchen, um sich auch au√üerhalb der normalen Marktwirtschaft ihren Lebensunterhalt zu verschaffen, M√∂glichkeiten bieten, die sie im herk√∂mmlichen Wirtschaftssystem nicht mehr hatten? Worin liegen aber auf der anderen Seite die Grenzen und Probleme dieser Parallel√∂konomie, die gerade in der extremen Krisensituation des Jahres 2002 verhinderten, dass das System f√ľr seine Nutzer eine stabile und dauerhafte Alternative zur regul√§ren Wirtschaft werden konnte?
Zum Zeitpunkt der Untersuchung Mitte 2003 war der Tauschhandel bereits nur mehr in deutlich reduziertem Umfang zu beobachten. Daher bestand die methodische Vorgehensweise vor Ort √ľberwiegend aus ausf√ľhrlichen Gespr√§chen mit Prosumenten und Organisatoren des Trueque sowie Wissenschaftlern, wodurch es m√∂glich wurde, auch retrospektiv ein differenziertes Bild √ľber Ereignisse, Erfolge und Schwierigkeiten des Tauschhandels zu erhalten. Zudem brachte die Beobachtung einiger noch existierender Tauschclubs aufschlussreiche Gesichtspunkte zum Vorschein. Die Interviews wurden mit insgesamt 21 Personen aus Buenos Aires, Mendoza, Santiago del Estero Capit√°l und Fr√≠as (Provinz Santiago del Estero) gef√ľhrt. Auf Veranstaltungen und Seminaren konnten weitere Gespr√§che mit zahlreichen Personen auch aus anderen Provinzen gef√ľhrt werden, welche die bereits vorhandene Information best√§tigten und erg√§nzten. Allen Gespr√§chspartnern sei an dieser Stelle herzlich gedankt.
Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Trueque in Argentinien selbst konzentriert sich auf wenige Forscher bzw. Institute. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang das Instituto del Conurbano der Universidad Nacional de General Sarmiento, das unter der Leitung von Professor Jos√© Luis Coraggio eine umfangreiche Sammlung an Materialien wie Zeitungsartikeln und Ver√∂ffentlichungen zusammengetragen und einen wichtigen Beitrag zur Analyse des Tauschhandels geleistet hat. In√©s Gonz√°lez Bombal und Fabiana Leoni, beide Mitarbeiterinnen des Instituts, f√ľhrten selbst Untersuchungen in Tauschclubs durch, die insbesondere aus soziologischer Sicht sehr wertvoll sind.
 
Im Rahmen dieser Arbeit steht die mikro√∂konomische Perspektive im Mittelpunkt, also die einzelnen Prosumenten, ihr Umfeld und ihre Aktivit√§ten im Trueque. Die Arbeit gliedert sich in drei Kapitel. Das erste Kapitel analysiert die argentinische Wirtschaftskrise und ihre Folgen f√ľr die Bev√∂lkerung und stellt den durch die Krise bedingten Aufschwung des Trueque sowie die Funktionsweise des Tauschsystems dar. In den beiden folgenden Kapiteln werden die Ergebnisse des Forschungsaufenthaltes vorgestellt und interpretiert. Dabei wird vor allem Wert darauf gelegt, die Gespr√§chspartner, die im Rahmen dieser Arbeit befragt wurden, selbst sprechen zu lassen, um ein realistisches Bild ihrer pers√∂nlichen Situation und ihrer Erfahrungen mit dem Trueque zu vermitteln. Zun√§chst werden die M√∂glichkeiten er√∂rtert, welche die Parallel√∂konomie bis zu ihrem Einbruch den Prosumenten zur Bew√§ltigung ihrer wirtschaftlichen Notlage bot. Hier stehen die Versorgung mit G√ľtern und Dienstleistungen sowie Besch√§ftigung und Arbeit im Mittelpunkt, aber auch wichtige soziale Aspekte finden Ber√ľcksichtigung. Das letzte Kapitel gibt einen √úberblick √ľber die wichtigsten Grenzen und Probleme des Tauschsystems, die auch wesentlich zu seinem Zusammenbruch beitrugen. Abschlie√üend erfolgt eine Gesamtbetrachtung der M√∂glichkeiten und Grenzen des Trueque und es wird versucht, einen Rahmen abzustecken, in dem der Trueque auch in Zukunft eine sinnvolle Erg√§nzung der herk√∂mmlichen kapitalistischen Wirtschaft sein kann.

II. Trueque ‚Äď Parallel√∂konomie in der argentinischen Wirtschaftskrise

1. Die Wirtschaftskrise Argentiniens ‚Äď Hintergr√ľnde und Ausma√ü

1.1  Die Auswirkungen der Wirtschaftspolitik der Neunzigerjahre

Die tiefe Wirtschaftskrise, die Argentinien seit 1998 erlebt, ist das Resultat einer l√§ngeren Fehlentwicklung, deren Ursachen in der Kombination verschiedener Faktoren liegen. Die Wirtschaftspolitik der Neunziger stand im Zeichen einer radikalen √Ėffnung nach au√üen, der Einf√ľhrung des Currency-Boards und einer gro√üen Privatisierungswelle. 1991 wurde der argentinische Peso ($) im Verh√§ltnis 1:1 an den Dollar (US$) gebunden. Dadurch wurde zun√§chst eine Antwort auf die zuvor herrschende Hyperinflation und W√§hrungsinstabilit√§t gefunden und das Vertrauen ausl√§ndischer Investoren erzielt. In Verbindung mit einer drastischen Privatisierungswelle und weiteren Wirtschaftsreformen trat die Wirtschaft bis 1994 mit einer durchschnittlichen Wachstumsrate von 7% j√§hrlich [1] in eine Boomphase ein, die sich nach der Unterbrechung durch die Auswirkungen der mexikanischen Tequila-Krise 1995 noch bis 1997 fortsetzte.

Gleichzeitig aber hatten die wirtschaftspolitischen Maßnahmen verheerende Auswirkungen. Das Currency-Board bewirkte eine zunehmende Überbewertung des Peso [2]. Dadurch verteuerten sich zum einen die Exportwaren, während sich die Importwaren relativ dazu verbilligten [3]. Hinzu kam der abrupte Abbau protektionistischer Schutzmechanismen im Zuge der wirtschaftlichen Liberalisierung. Die argentinische Industrie verlor durch die billige ausländische Konkurrenz große Binnenmarktanteile, gleichzeitig sank ihre Wettbewerbsfähigkeit im Exportbereich durch die hohen Preise. [4] Die Produktivitätssteigerung zur Anpassung an den verstärkten Konkurrenzdruck machten Einsparungen im Personalbereich unumgänglich. Bereits seit 1993 war daher trotz der enormen Wirtschaftsleistung ein Anstieg der Arbeitslosigkeit zu beobachten, die, durch die Tequila-Krise verschärft, 1995 auf 17,5% anstieg. Durch die Ansiedlung großer multinationaler Konzerne wurden viele kleine und mittlere Unternehmen unrentabel und zur Aufgabe gezwungen. Daneben trug auch die rasche Privatisierung sämtlicher staatlichen Unternehmen zur Verschlechterung der Arbeitsmarktsituation bei. [5] Ab 1995 sank die Wettbewerbsfähigkeit zunehmend durch die Aufwertung des Dollars, der 2001 seinen Höchststand erreichte, und die gleichzeitigen Abwertungen in Mexiko (1995), wichtigen asiatischen Ländern (1997), Russland (1998), Brasilien (1999) sowie den Wertverlust des Euro. [6] Das Ergebnis war die Verschärfung der Deindustrialisierung durch eine Importschwemme (vgl. Tabelle, S. 10), die Abwanderung ausländischer Produzenten nach Brasilien und ein weiterer Beitrag zur Erhöhung der Arbeitslosigkeit, die 2001 erneut bei 17,4% lag.[7]

Parallel zur Arbeitslosigkeit verschlechterte sich eine ganze Reihe sozialer Indikatoren. Der Abbau der Industrie ging vor allem nach 1995 einher mit einer zunehmenden Unterbe- sch√§ftigung und Informalit√§t der Arbeitsverh√§ltnisse. Viele suchten mit der Selbst√§ndigkeit im informellen Sektor einen Ausweg aus der angespannten Arbeitsmarktsituation, gr√ľndeten kleine L√§den, Kioske oder stellten in Form von Kleinstunternehmen Kleidung, Nahrungsmittel oder Kunst- handwerk her bzw. boten Dienstleistungen wie Auto- reparaturen oder Malerarbeiten an. Hinzu kam ein Lohnverfall auf dem Arbeitsmarkt, der sich mit der Krise ab 1998 weiter zuspitzte, mit dem Ergebnis, dass 2001 mehr als die H√§lfte aller Arbeitnehmer weniger als 400 Peso ($) pro Monat verdiente. [8] Die gro√üen Einkommenseinbu√üen breiter Bev√∂lkerungsschichten f√ľhrten zu einer verst√§rkten Einkommens- und Verm√∂genspolarisierung und einem rapiden Verarmungsprozess. [9] Vor allem die Mittelklasse, die, anders als in den meisten lateinamerikanischen L√§ndern, vormals den Gro√üteil der argentinischen Bev√∂lkerung ausgemacht hatte, glitt zunehmend in Armut ab. W√§hrend im Oktober 1993 17,8% der Argentinier unterhalb der Armutsgrenze lebten, war es im Oktober 2001 mit 35,4% bereits ein Drittel der Bev√∂lkerung. Die Betroffenen dieser sogenannten ‚ÄěNueva Pobreza‚Äú [10], der neuen Armut, hatten zwar in der Regel noch die M√∂glichkeit, ihren Grundbedarf an Lebensmittel und (eingeschr√§nkt) Kleidung zu decken, doch hatten sie bereits gr√∂√üere Probleme, mit den ihnen noch verbleibenden Eink√ľnften die Rechnungen f√ľr Wasser, Strom, etc. zu zahlen. Viele mussten ihre H√§user und Autos verkaufen und hatten nur mehr eingeschr√§nkte Freizeitm√∂glichkeiten, was sich auch auf ihre sozialen Kontakte auswirkte. In extremer Armut lebten 12,2% der Argentinier. Sie waren unf√§hig, selbst ihre Grundbed√ľrfnisse an Nahrungsmitteln zu decken (vgl. Grafik S. 8). [11]

Die kontinuierliche Abnahme der Kaufkraft im Volk bedeutete ein Absinken des Konsums (2001: -5,8%) und damit den R√ľckgang des Binnenmarktes zus√§tzlich zum schwierigen Exportmarkt und den externen Schocks durch die Asien- und Brasilienkrise. Die staatliche Haushalts- und Fiskalpolitik war √ľberdies zu radikalen Einsparungen gezwungen, um das enorme Leistungsbilanzdefizit und die wachsende Auslandsverschuldung in Griff zu bekommen [12]. Der R√ľckgang des √∂ffentlichen Konsums wirkte sich prozyklisch auf das Wirtschaftsgeschehen aus und trug zur Verschlimmerung der Krise bei.

BIP

Bruttoinvestition Inland

Import

Export

          Konsum
  √∂ffentlich        privat

1994

 5,8

13,7

21,1

15,1

0,4

6,1

1995

-2,8

-13,1

-10,0

22,6

0,8

-4,4

1996

 5,5

 8,9

17,4

 7,8

2,2

5,5

1997

 8,1

17,7

26,6

12,0

3,2

9,0

1998

 3,9

 6,5

 8,1

 9,9

3,4

3,5

1999

-3,4

-12,8

-11,7

-1,4

0,8

-2,7

2000

-0,5

 -8,6

 -0,5

 2,0

-0,4

-0,4

2001

-4,5

-

-14,0

 2,9

-2,1

-5,8

  Quelle: Instituto de Investigaciones Econ√≥micas, S. 10 sowie Ministerio de Econom√≠a, S. 17

Die prek√§re Lage der Staatsfinanzen kulminierte Ende 2001 in einer Finanz- und Bankenkrise und der Erkl√§rung der Zahlungsunf√§higkeit √ľber die enorme Auslandsverschuldung von 144.000 Millionen Dollar [13]. Die Antizipation dieses Konkurses f√ľhrte im November zu einem Run auf die Banken [14], auf den die Regierung mit einer Einschr√§nkung der Bargeldauszahlungen auf 250$ pro Woche und Konto und der Einfrierung der Sparguthaben (sogenannter ‚ÄěCorralito‚Äú) reagierte [15]. Daraufhin kam es landesweit zu heftigen sozialen Unruhen, die am 20. Dezember zum R√ľckritt von Pr√§sident De la R√ļa und seines gesamten Ministeriums f√ľhrten.

1.2  Die Aufhebung der Konvertibilit√§t ‚Äď Zuspitzung der Situation

Der Corralito sowie der Ausstieg aus dem Currency-Board Anfang 2002 markierten das wirtschaftliche und soziale Geschehen des Jahres. Der Corralito beeinflusste sowohl die formelle als auch die informelle Wirtschaft. W√§hrend erstere unter der Unterbrechung der Zahlungsketten litt, was Handel und Produktion sch√§digte, konnten im informellen Bereich viele Arbeiter, die ihr Leben mit den sp√§rlichen Eink√ľnften ohnehin kaum bew√§ltigen konnten, pl√∂tzlich nicht mehr bezahlt werden, da in diesem Sektor s√§mtliche Transaktionen mit Bargeld get√§tigt werden. [16] Durch die Reprogrammierung der Sparguthaben (Dollar-Sparguthaben wurden zum Kurs von 1,40 pesifiziert) verlor vor allem die ohnehin gebeutelte Mittelklasse zus√§tzlich an Finanzkraft. Das abrupte Ende der Konvertibilit√§t hatte dramatische Folgen f√ľr die Wirtschaft. Die Inflationsrate schnellte nach oben und summierte sich √ľber das Jahr auf 41%, wobei jedoch die Preise des Basis-Warenkorbes an Nahrungsmitteln (Canasta B√°sica de Alimentos, CBA) um 73,8% stiegen. [17] Gleichzeitig verringerten sich aber in der Privatwirtschaft weiterhin die L√∂hne [18] und die Arbeitslosigkeit erreichte im Mai mit 21,5% einen historischen Rekord. Im schlecht bezahlten informellen Sektor waren mittlerweile knapp die H√§lfte aller Besch√§ftigten t√§tig. [19] Die Folge dieser Entwicklungen war ein drastischer Einbruch des Privatkonsums von 14,4% gegen√ľber dem Vorjahr, wobei die ersten beiden Quartale mit 18,8% und 17,2% am st√§rksten betroffen waren. Man begann, nur noch das Allernotwendigste zu kaufen. Produkte wie Bier, Joghurt oder Kekse, die zuvor noch zum t√§glichen Leben geh√∂rt hatten, wurden deutlich weniger konsumiert [20]. Durch den Kaufkraftverlust stieg die Zahl der in Armut lebenden Personen auf 57,5%, wobei die Situation in den n√∂rdlichen Provinzen bis heute mit rund 70% deutlich kritischer ist. Die Zahl derer, die in extremer Armut leben und nicht einmal mehr ihren Grundbedarf an Nahrungsmitteln (CBA) decken k√∂nnen, erreichte mit 24,7% ungekannte Ausma√üe [21]. Der Mittelstand verschwand nun fast v√∂llig von der Bildfl√§che.

Fassen wir also zusammen: F√ľr die Bev√∂lkerung hat die Wirtschaftskrise ver- heerende Konsequenzen. Ein immer gr√∂√üerer Bev√∂lkerungsteil ist aus dem herk√∂mmlichen Wirtschafts- und Geldkreis- lauf ausgeschlossen. Seine Arbeitskraft wird nicht nachgefragt, er hat kaum Eink√ľnfte und damit auch keine M√∂glichkeit mehr, seine Versorgung in aus- reichendem Ma√üe sicher- zustellen. Diejenigen, die ohnehin bereits Schwierig- keiten haben, ihre Grund- versorgung sicherzustellen, sind nun in extreme Armut abgeglitten. Hinzu kommt die zunehmende Verarmung des Mittelstandes, die nun gr√∂√ütenteils die sogenannte Nueva Pobreza bildet.

Vor diesem Hintergrund gewinnt der Tauschhandel eine immer größere Bedeutung. Sehen wir uns im nächsten Abschnitt daher zunächst seine zahlenmäßige Entwicklung und Funktionsweise sowie die soziostrukturellen Merkmale der Teilnehmer an, bevor anschließend erörtert wird, inwieweit er den Ausgeschlossenen der regulären Wirtschaft eine Alternative bieten kann.

2. El Trueque Argentino

2.1 Die Entwicklung des Tauschhandels in Argentinien

Die Expansion der Tauschclubs steht in direktem Zusammenhang mit der Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation Argentiniens. Vor dem Hintergrund der vierjährigen Rezession und der extremen Verarmung der Bevölkerung verzeichneten die Clubes de Trueque ein kontinuierliches Wachstum, das durch die Zuspitzung der Situation im Jahr 2001 und die Eskalation 2002 explosionsartig stieg. So registrierten sich vor der Etablierung des Corralito monatlich etwa 20000 Personen, nach dem Einbruch des Finanzsystems waren es dagegen 5000 pro Tag. [22]

Die Sch√§tzungen zur genauen Anzahl der existierenden Nodos und deren Teilnehmerzahlen differieren teilweise erheblich in ihren Angaben. Dies liegt zum einen darin begr√ľndet, dass sich vor allem im Landesinneren viele Clubs privat organisierten und daher nicht in einem der landesweiten Tauschnetzwerke Red Global de Trueque (RGT) bzw. Red de Trueque Solidario (RTS) registriert waren. Zum anderen aber fehlte in den Netzwerken die geeignete Infrastruktur zur exakten Erfassung und Archivierung der Datenf√ľlle.

Nach einer Studie des Centro de Estudios Nueva Mayoría [23], die allgemein als seriös gilt, verlief das Wachstum der Nodos von 1996 bis 2000 zunächst konstant mit einer jährlichen Verdopplung ihrer Anzahl. Durch die Verschlimmerung der wirtschaftlichen Lage im Jahr 2001 unter anderem durch die radikalen staatlichen Einsparmaßnahmen vervielfachte sich die Zahl der Clubs innerhalb eines Jahres um 4,5 und stieg auf 1800. In Folge des Corralito und der abwertungsbedingten Inflation wurde das exponentielle Wachstum 2002 fortgesetzt und erreichte im Mai die Marke von 5000.

Andere Schätzungen sprechen von etwa 6000 [24] bzw. 8000 [25] Clubs. Die tatsächliche Anzahl lag Mitte 2002 wahrscheinlich zwischen 5000 und 6000 Nodos.

Die Entwicklung der Teilnehmerzahlen verl√§uft parallel zum Wachstum der Clubs. Demnach beteiligten sich im Mai 2002 bereits 2,5 Millionen Personen, also rund 7% der Gesamtbev√∂lkerung. [26]  

Doch war die Reichweite des Tauschhandels deutlich gr√∂√üer, denn er kam nicht nur den Prosumenten selbst, sondern auch deren Familien zugute. Bei einer durchschnittlichen Anzahl von 3,5 Personen pro Haushalt [27] erh√§lt man √ľber acht Millionen Personen, ‚Äď mehr als ein F√ľnftel der Gesamtbev√∂lkerung - die einen Teil ihrer Versorgung √ľber den Tauschhandel abdecken konnten.

Mit dem Wachstum des Systems stiegen nat√ľrlich auch die Mitgliederzahlen pro Tauschclub. W√§hrend 1999 die Teilnehmerzahl von 400 pro Club kaum √ľberschritten wurde, fassten einige Nodos in Buenos Aires und anderen Gro√üst√§dten ab 2001 zwischen 4000 und 20000 Personen. Auf dem Land blieben die Clubs nat√ľrlich bedeutend kleiner.

In der zweiten H√§lfte des Jahres 2002 erfuhr der Tauschhandel einen R√ľckgang, der Ende des Jahres zum (fast) vollst√§ndigen Kollaps des Systems f√ľhrte. Heute sind die Tauschringe in weiten Teilen des Landes fast vollst√§ndig verschwunden oder arbeiten mit sehr geringen Mitgliederzahlen. Landesweit sch√§tzt man die Zahl der Nodos noch auf etwa 1000. Die Hintergr√ľnde dieses Einbruchs werden in Kapitel IV analysiert.

2.3  Das Modell des Trueque

2.2.1  Funktionsweise und Philosophie

Der Trueque ist eine zivilgesellschaftliche Organisation mit Selbsthilfecharakter, die √ľber die herk√∂mmliche haushaltliche Netzwerkhilfe, z.B. Nachbarschaftshilfe, hinausgeht. Er geh√∂rt dem informellen Sektor an und steht somit neben dem offiziellen kapitalistischen Markt und der staatlichen Sozialpolitik. Die eigene W√§hrung, der sogenannte Cr√©dito erm√∂glicht einen nicht simultanen und vor allem geldfreien Tausch zwischen den Beteiligten. Damit ist die Bezeichnung Trueque (= Tauschhandel) eigentlich nicht korrekt, da nicht Ware gegen Ware getauscht wird, sondern ein marktliches System zugrunde liegt. Die Teilnehmer haben darin eine doppelte Funktion zu erf√ľllen. Innerhalb ihrer Tauschgemeinschaft bieten sie zum einen als Produzenten eigene G√ľter bzw. Dienstleistungen an und fragen zugleich als Konsumenten andere Leistungen nach. Daher werden sie in einem Wort als Prosumenten (spanisch: Prosumidores) bezeichnet. Getauscht werden k√∂nnen G√ľter und Dienstleistungen jeder Art. Von etwa 1999 bis Anfang 2002 war das Angebot auch tats√§chlich √ľberw√§ltigend. Zu finden war fast alles, von Lebensmitteln √ľber gebrauchte oder selbstgefertigte Gegenst√§nde hin zu Dienstleistungen wie Handwerk oder Medizin. Hausfrauen bereiteten Speisen und Konserven zu oder boten Torten und Geb√§ck aus ihrer Eigenproduktion an. Vom Land brachten Bauern oftmals Obst und Gem√ľse in die st√§dtischen Clubs [28]. Im Nicht-Lebensmittelbereich war sowohl neue als auch gebrauchte Ware zu finden, in erster Linie Kleidung und Schuhe, daneben allerlei Gegenst√§nde, welche die Haushalte nicht mehr verwendeten, aber auch selbst hergestellte Dekorations- und Kunsthandwerksartikel. Neuwaren wurden vor allem von Gesch√§ftsinhabern beigesteuert, die ihre L√§den schlie√üen mussten und Lagerbest√§nde im Trueque absetzten. Auch entlassene Arbeiter, die ihre Abfindungen in Form von Produkten ihres Unternehmens (oft Kleidung) erhielten, boten √úbersch√ľsse an.

Die Transaktionen erfolgen auch heute noch fast ausschlie√ülich in Cr√©ditos, nur bei Dienstleistungen werden Materialkosten in Peso abgerechnet. Die Clubs haben feste Markttage, an denen jeder Teilnehmer seine Ware wie auf einem normalen Markt an einem eigenen Stand anbietet. Die Koordinatoren der Clubs sorgen dabei f√ľr einen reibungslosen und geregelten Ablauf.

Der Trueque funktioniert wie ein gewöhnlicher Markt, nur mit anderer Währung.
Quelle: Red Global de Trueque (RGT)

Nodos existierten und existieren sowohl in Elendsvierteln als auch in Stadtzentren, ebenso wie in D√∂rfern. Je nach Lage √§ndert sich auch das Erscheinungsbild der angebotenen Produkte. Vor allem in √§rmeren Vierteln √§hneln die Nodos einfachen Flohm√§rkten, mit vielen gebrauchten Gegenst√§nden, Kleidung oder Elektroger√§ten. In anderen Clubs wiederum findet man nicht nur Kunsthandwerk oder B√ľcher, sondern auch professionelle Dienstleister, wie √Ąrzte, Psychologen oder Rechtsanw√§lte.

Die Philosophie des Trueque basiert auf einer ‚ÄěNeuerfindung des Marktes‚Äú [29], der parallel zur herk√∂mmlichen Wirtschaft funktioniert, aber nicht dieselben Werte verfolgt wie dieser. Er orientiert sich nicht an Gewinnmaximierung und Spekulation, sondern will durch die Prinzipien der Solidarit√§t und Reziprozit√§t gewisserma√üen ein humanisiertes Wirtschaftsmodell etablieren. Ziel ist es, die Lebensqualit√§t durch den gegenseitigen Austausch von G√ľtern, Dienstleistungen und Know-How zu verbessern und so die oftmals ungenutzten F√§higkeiten und Kenntnisse der Teilnehmer einer nutzbringenden Verwendung zuzuf√ľhren.

2.2.2  Die Tauschw√§hrung

Der Cr√©dito(¬Ę) [30] ist das Herz des Trueque und wird oft auch als ‚Äěmoneda social‚Äú (Sozialw√§hrung) bzw. ‚Äěmoneda privada‚Äú (Privatw√§hrung) bezeichnet. Sie gilt als ‚Äěsozial‚Äú, da sie als zinslose W√§hrung im Gegensatz zur offiziellen W√§hrung nicht der Gefahr gro√üer Akkumulation und Konzentration in wenigen H√§nden bzw. Regionen unterliegt. [31] Dadurch ist der Cr√©dito ein blo√ües Tauschmittel, wodurch sich wiederum die Bezeichnung Trueque herleitet. Daneben handelt es sich um eine Privatw√§hrung, da seine Emission unabh√§ngig von Staat oder Kommunen in der Verantwortung von Privatpersonen liegt.

Die Emission der Scheine erfolgt parallel zur Mitgliederzahl. Jeder neue Teilnehmer erh√§lt bei seiner Registrierung 50¬Ę in Form einer Leihgabe, die er bei seinem Ausscheiden aus dem System wieder an die Organisation zur√ľckzugeben hat und dadurch dem Geldkreislauf entzieht. Mit steigender Zahl der Prosumenten vergr√∂√üert sich die Geldmenge, w√§hrend sie sich bei sinkender Zahl theoretisch automatisch wieder verkleinert. Der Cr√©dito steht in einem Verh√§ltnis von 1:1 zum Peso, kann aber nicht umgetauscht werden. Die W√§hrung ist juristisch nicht als solche anerkannt und genie√üt daher keinen staatlichen Schutz.

Bis 1998 emittierte jeder Club seine eigene W√§hrung, danach begann eine zunehmende Organisation der einzelnen Experimente in regionale bzw. landesweite Tauschnetzwerke, was zur Aufgabe der individuellen Geldsouver√§nit√§t der Nodos f√ľhrte. Dadurch existieren neben den lokalen Cr√©ditos der unabh√§ngig gebliebenen Clubs auch zonale und nationale Cr√©ditos (siehe √úbersicht im Anhang). Die meisten Clubs schlossen sich einem der beiden Netzwerke mit landesweitem Aktionsrahmen an. Die Red Global de Trueque (RGT) und Red de Trueque Solidario (RTS) waren daher die bei weitem gr√∂√üten Tauschexperi-mente des Landes. Ihre W√§hrungspolitik unterscheidet sich in einigen wichtigen Punkten.

<  Abb.: Cr√©dito der RTS, zona capital
Das demokratisch-solidarische Modell der RTS
 

Innerhalb der RTS waren die einzelnen Nodos landesweit in geografischen Zonen zusammengeschlossen, die entweder mit den Provinzgrenzen identisch waren, oder nur Teilgebiete einer Provinz umfassten. Die Zonen emittierten jeweils  ihren eigenen Cr√©dito. Transparenz  und  Kontrolle der Emission wurden von der Comisi√≥n Federal de Cr√©ditos gew√§hrleistet, die sich aus den Koordinatoren aller Zonen zusammensetzte. Die RTS legte gro√üen Wert auf eine Abgrenzung zum herk√∂mmlichen Wirtschaftssystem und auf die konsequente Durchsetzung der alternativen Werte des Trueque. Daher wurde die Integration von Unternehmen des herk√∂mmlichen Wirtschaftssystems oft kritisch be√§ugt. Monet√§re Zahlungen von Eintrittsgeldern oder Materialkosten bei Dienstleistungen wurden teilweise komplett verboten. Heute existiert die RTS nicht mehr, die noch verbliebenen Nodos funktionieren unabh√§ngig.

                                 Abb.: Cr√©dito der RGT, Arbolito  >

Das Franchising-Modell der RGT

Die RGT verfolgte hingegen die Verbreitung einer einzigen Sozialw√§hrung in ganz Argentinien. Die Emission des Cr√©dito, der wegen des abgebildeten Baumes auch Arbolito genannt wurde, wurde vom Zentralb√ľro in Bernal (Quilmes, Gro√üraum Buenos Aires) durchgef√ľhrt, das damit in seiner Funktion einer Zentralbank vergleichbar war. Ausgehend von der Zentrale wurde das Netzwerk in Form eines Franchising-Systems landesweit ausgebaut. Franchise-Clubs registrierten ihre Prosumenten gegen eine Geb√ľhr von 2$ (Peso) und erhielten daf√ľr aus Bernal 50¬Ę pro registriertem Teilnehmer. Im Gegensatz zur RTS verfolgte die RGT eine st√§rkere Verbindung mit dem regul√§ren Wirtschaftssystem. Die Integration von kleinen Unternehmen wurde mit einer eigens eingerichteten Arbeitsgruppe (Trueque-Pymes) gef√∂rdert, monet√§re Zahlungsstr√∂me waren ebenfalls erlaubt. Durch Abspaltung entstand in der Westzone des Gro√üraums Buenos Aires das Netzwerk Zona Oeste, das wie die RGT die Zusammenarbeit mit der normalen Wirtschaft sucht, sich geographisch aber auf das Westgebiet beschr√§nkt und √ľber einen eigenen Cr√©dito verf√ľgt. Heute befinden sich RGT und Zona Oeste mit je neuen Cr√©ditos und versch√§rften Regeln erneut in der Expansionsphase.

2.2.3  Soziostrukturelle Merkmale der Teilnehmer

Die Tauschclubs bestehen √ľberwiegend aus privaten Haushalten. In vielen Nodos werden aber, wie bereits erw√§hnt, auch lokal ans√§ssige Unternehmen und Gesch√§fte rekrutiert. Bis Ende der Neunzigerjahre setzten sich die Clubs √ľberwiegend aus der zunehmend verarmten Mittelklasse, der Nueva Pobreza, zusammen, die zwar bereits die Folgen der Dollarbindung sp√ľrte, aber noch √ľber ausreichende Einkommen verf√ľgte, um ihr Leben in der normalen Wirtschaft einigerma√üen zu bestreiten. Von einer ideologisch alternativen Denkweise gepr√§gt, wollte sie neue Wege zur herk√∂mmlichen √Ėkonomie beschreiten. Ab etwa 1999 / 2000 wurde diesoziale Zusammensetzung der Teilnehmer zunehmend heterogener und begann, alle sozialen Schichten zu umfassen, die von der Krise getroffen waren. [32] Auch in den √§rmlicheren Arbeitervierteln der St√§dte, den sogenannten ‚ÄěSectores Populares‚Äú [33] entstanden die ersten Nodos. Mit Zuspitzung der Lage 2001 und der Abwertung des Peso 2002 str√∂mten diese zusammen mit den Massen der mittlerweile dramatisch verarmten Mittelklasse verst√§rkt in den Trueque. Die soziostrukturelle Zusammensetzung der st√§dtischen Nodos war und ist in gro√üem Ma√üe abh√§ngig von den Vierteln, in denen sie sich befinden. Umfragen in Tauschclubs haben ergeben, dass ein Gro√üteil der Prosumenten schwerwiegende Probleme mit Arbeit und Einkommen hat. In den Nodos der abgestiegenen Mittelklasse sind rund 44% arbeitslos. Unter denjenigen, die Arbeit haben, ist ein gro√üer Teil in informellen Arbeitsverh√§ltnissen bzw. selbst√§ndig t√§tig. Das monatliche Familieneinkommen liegt bei etwa 70% unter 500$. [34] In den Nodos der Sectores Populares liegt die Arbeitslosigkeit der Teilnehmer bei 67%, von den √ľbrigen Teilnehmern geht niemand einer Arbeit im formellen Sektor nach. Viele sind arbeitslose Industriearbeiter, Stra√üenverk√§ufer oder pensionierte Arbeiter. 57% der Teilnehmer verf√ľgen √ľber ein monatliches Familieneinkommen von weniger als 300$. Gleichzeitig betragen die Kosten des Gesamtwarenkorbes (Canasta B√°sica Total) f√ľr einen durchschnittlichen Erwachsenen zum Zeitpunkt der zitierten Umfrage 230,31$. [35] 28% machen keine Angaben, da ihre Eink√ľnfte zu unregelm√§√üig sind, um sie beziffern zu k√∂nnen. [36] In allen Schichten weisen die Clubs mit 65 bis 80% einen √ľberdurchschnittlichen Frauenanteil auf. Das durchschnittliche Alter liegt zwischen 40 und 60 Jahren (56%), doch ist auch der Anteil der √ľber Sechzigj√§hrigen mit etwa 20% recht hoch.

Zur soziokulturellen Zusammensetzung d√∂rflicher Nodos sind keine genauen Umfragen bekannt. Die Gespr√§chspartner, die im Rahmen dieser Arbeit befragt wurden, weisen aber darauf hin, dass auch hier die Arbeitslosigkeit der Teilnehmer bei √ľber 50% liegt und der abgest√ľrzte Mittelstand den Hauptteil der Prosumenten ausmacht. Wichtig ist ferner ein relativ hoher Anteil von Bauern, welche die Nodos mit Produkten aus ihrem Eigenanbau beliefern.

Aus der zahlenm√§√üigen Entwicklung des argentinischen Tauschhandels und der Herkunft seiner Teilnehmer wird klar, dass der Trueque in der extremen wirtschaftlichen Krisensituation f√ľr die Bev√∂lkerungsteile, die an der herk√∂mmlichen Wirtschaft nicht mehr oder nur mehr eingeschr√§nkt teilnehmen konnten, als Auffangbecken fungierte. Daher stellt sich im Folgenden die Frage, welche M√∂glichkeiten diese Selbsthilfeinitiative ihren Nutzern bietet.

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Anmerkungen:

[1] Aldo Ferrer, ‚ÄěLa enfermedad argentina‚ÄĚ, in: Lascano, Marcelo R. (Hg.), La Econom√≠a Argentina hoy, El Ateneo, Buenos Aires 2001, S. 161f.

[2] Adolfo E. Buscaglia, ‚ÄěLa econom√≠a argentina a fines del siglo XX‚ÄĚ, in: Lascano, Marcelo R. (Hg.), La Econom√≠a Argentina hoy, El Ateneo, Buenos Aires 2001, S. 41

[3] Von 1991 bis 1999 verf√ľnffachten sich die Importe, w√§hrend sich die Exporte lediglich verdoppelten; vgl. Marcelo R. Lascano, ‚ÄěLa d√©cada de los noventa: presupuestos intelectuales dominantes y resultados‚ÄĚ, in: Lascano, Marcelo R. (Hg.), La Econom√≠a Argentina hoy, El Ateneo, Buenos Aires 2001, S. 24

[4] Vgl. Jorge Schvarzer, ‚ÄěLa industria en la d√©cada del noventa‚ÄĚ, in: Lascano, Marcelo R. (Hg.), La Econom√≠a Argentina hoy, El Ateneo, Buenos Aires 2001, S. 249

[5] Vgl. Marisa Duarte, ‚ÄěLos impactos de los privatizaciones sobre el mercado de trabajo: desocupaci√≥n y creciente precarizaci√≥n laboral‚ÄĚ, in: Azpiazu, Daniel (Hg.), Privatizaciones y poder econ√≥mico, Universidad Nacional de Quilmes, Buenos Aires 2002, S. 78f.

[6] Vgl. Buscaglia, S. 43f., und Lascano, S. 12

[7] Vgl. José L. Blanco, La Economía Argentina2002, Buenos Aires 2003, S. 78, nach offiziellen Daten des Instituto Nacional de Estadística y Censo (INDEC).

[8] Vgl. Blanco, S. 74f.

[9] Vgl. Mercedes Marc√≥ del Pont / Hector W. Valle, ‚ÄěLa crisis social de los a√Īos noventa y el modelo de la convertibilidad‚ÄĚ in: Lascano, Marcelo R. (Hg.), La Econom√≠a Argentina hoy, El Ateneo, Buenos Aires 2001, S. 177ff.

[10] In√©s Gonz√°lez Bombal, ‚ÄěSociabilidad en clases medias en descenso: experiencias en el trueque‚Äú in: Hintze, Susana (Hg.), Trueque y Econom√≠a Solidaria, Universidad Nacional de General Sarmiento, San Miguel, Buenos Aires 2003 (in Druck), S. 280

[11] Vgl. INDEC, Evolución de la pobreza y la desocupación en el GBA desde 1988 en adelante, unter:
www.indec.mecon.gov.ar/nuevaweb/cuadros/74/grafpobreza2.xls , 15. 06. 2003; Die Ermittlung der extremen Armut (indigencia) erfolgt anhand der √úberpr√ľfung, ob ein Haushalt mit seinen Eink√ľnften den Grundbedarf an Nahrungsmitteln des Nahrungsmittelwarenkorbes (Canasta B√°sica de Alimentos, CBA) decken kann. Zur Feststellung der Armut wird ein erweiterter Warenkorb zum Vergleich herangezogen, der neben Nahrungsmitteln auch andere G√ľter und Dienstleistungen umfasst, wie Kleidung, Transport, Bildung, Gesundheit, etc. Dieser Warenkorb wird als Canasta B√°sica Total (CBT) bezeichnet. Die Erhebung der Daten erfolgt in Form der Encuesta Permanente de Hogares (permanente Haushaltsumfrage) des INDEC.

[12] Ein geldpolitisches Eingreifen war nicht möglich, da mit dem Currency-Board die Geldsouveränität aufgegeben wurde.

[13] Vgl. Ministerio de Econom√≠a, Informe Econ√≥mico A√Īo 2002, a√Īo 11, Nr.44, Buenos Aires 2003, S. 17

[14] Allein am 30. November wurden rund 1,3 Milliarden Peso abgehoben, 30% der Abhebungen des Monats; vgl. Banco Central de la Rep√ļblica Argentina: Bolet√≠n monetario y financiero ‚Äď cuarto trimestre de 2001, Buenos Aires, 2002, S. 18

[15] Federico Sturzenegger, La economía de los argentinos, Planeta, Buenos Aires 2003, S. 42

[16] Vgl. Sturzenegger, S. 42

[17] Vgl. INDEC, Indice de precios al consumidor Noviembre 2002, Información de Prensa 04. 12. 2002 unter:
www.indec.mecon.gov.ar/nuevaweb/cuadros/10/ipc_12_02.pdf , 15. 06. 2003, S. 6

[18] Vgl. Blanco, S. 74

[19] Vgl. Ministerio de Trabajo, El Trabajo decente en la Argentina, Buenos Aires 2002, S. 7

[20] Vgl. Alfredo Sainz, ‚ÄěEl aumento de los precios, la ca√≠da del empleo y los ingresos llevaron al 80% de las familias a comprar s√≥lo lo indispensable‚ÄĚ, in: La Naci√≥n, 01. 12. 2002, Secci√≥n Econom√≠a, S. 1

[21] Vgl. INDEC, Evolución de la pobreza y la desocupación en el GBA desde 1988 en adelante

[22]Vgl. Pablo Calvo, ‚ÄěSe duplic√≥ la cantidad de gente que recurre al sistema de trueque‚ÄĚ in: Clar√≠n, 09. 12. 01, unter:
http://old.clarin.com/diario/2001/12/09/e-326503.htm, 25. 03. 2003 und Mariana Iglesias, ‚ÄěCon el trueque ya se compran campos, autos y hasta casas‚ÄĚ in: Clar√≠n, 14. 02. 2002, unter: http://old.clarin.com/diario/2002/02/14/s-02615.htm, 25. 03. 2003

[23] Eduardo Ovalles, Argentina es el país del mundo en el cual el fenómeno del trueque tiene mayor dimensión social, Centro de Estudios Nueva Mayoría, Buenos Aires 2002; die Studie beruht auf Angaben der RGT und RTS, einer landesweiten Umfrage und statistischen Schätzungen.

[24] ‚ÄěExpansi√≥n del Trueque‚ÄĚ, in: Claramente, Online-Zeitschrift, unter
www.claramente.com.ar/049/trueques.htm., 07. 03. 2002 und Anal√≠a Crivello, ‚ÄúEl nuevo club de trueque abri√≥ sus puertas en Recoleta‚ÄĚ, in: La Naci√≥n, 19. 05. 2002, S. 19

[25] ‚ÄěDise√Īan bonos con 10 medidas de seguridad‚ÄĚ, in: La Naci√≥n, 23. 08. 2002, S. 15

[26]  Die Gesamtbev√∂lkerung betr√§gt 37 Millionen; vgl. INDEC, Poblaci√≥n censada en 1991 y 2001 y variaci√≥n intercensal absoluta y relativa 1991-2001, unter:
http://www.indec.mecon.gov.ar/nuevaweb/cuadros/cen01_0100c21.xls, 15. 06. 2003

[27] Vgl. INDEC, Encuesta permanente de hogares mayo 2002, Buenos Aires 2002, S. 3

[28] Sowohl in Buenos Aires, als auch in jede andere größere Provinzstadt.

[29] Heloisa Primavera, u.a., Reinventando el Mercado, Buenos Aires 1998, unter:
http://www.trueque-marysierras.org.ar/BLHP10.zip, 13. 04. 2002 

[30] Crédito ist die am meisten verbreitete Bezeichnung, daneben gibt es Ecovale, Punto, Talento, etc., die in kleinen und unabhängigen Tauschinitiativen verwendet werden.

[31]Vgl. Heloisa Primavera, Política social, imaginación y coraje: reflexiones sobre la moneda social, Buenos Aires 2000, unter:
http://money.socioeco.org/documents/40rtf.referensp.rtf, 13. 04. 2002, S. 14

[32] Interview vom 25. 06. 2003 mit Jorge Marchini, Professor f√ľr Wirtschaftswissenschaften an der Universidad de Buenos Aires (UBA)

[33] Gonz√°lez Bomb√°l, S. 299

[34] Vgl. Gonz√°lez Bombal,S. 284; die Umfragen wurden von Juni bis Oktober 2000 in vier Nodos verschiedener Stadtteile von Buenos Aires durchgef√ľhrt.

[35] INDEC, Valores mensuales de la CBA y de la CBT para el adulto equivalente en el aglomerado de Gran Buenos Aires, unter:
http://www.indec.mecon.gov.ar/nuevaweb/cuadros/74/sh-cba2.xls, 15. 06. 2003 

[36] Vgl. Fabiana Leoni, Ilusi√≥n para muchos, alternativa para pocos ‚Äď la pr√°ctica del trueque en los sectores populares, Diplomarbeit im Fach Sozialpolitik an der Universidad Nacional de General Sarmiento, San Miguel, Buenos Aires 2003 (unver√∂ffentlichtes Dokument), S. 59f.Die Umfragen wurden von Juni bis Oktober 2002 in zwei Nodos in Jos√© C. Paz, einem √§rmeren Gebiet im Gro√üraum Buenos Aires durchgef√ľhrt.

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