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Werner Onken:
Der Zins als Angelpunkt von Wirtschaft und Moral
Gedanken zu Otmar Issings Einwänden gegen eine ‚zinslose’ Wirtschaft
(aus: Fragen der Freiheit Nr. 226 / 1994, S. 42–51)

1  Das Zinsverbot im Judentum, Christentum und Islam
2  Issings Rechtfertigung des Zinsnehmens
3  Der Zins als widersprüchliche Mischung aus unersetzlichem Lenkungsinstrument und ökonomisch-ökologisch-moralischem Schatten
4  Jenseits von Zinsverbot und Zinsüberhöhung
5  Geldordnungspolitik anstelle von staatlichen Eingriffen in einen vermachteten Markt
6  Synthese von Rationalprinzip und Moral
Literaturhinweise
 
 In einem Aufsatz „Der Zins und sein moralischer Schatten - Zur Rolle des Zinses in der modernen Wirtschaft“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 20. November 1993 ) tritt Prof. Dr. Otmar Issing, Mitglied des Direktoriums der Deutschen Bundesbank, der „Sehnsucht nach der zinslosen Wirtschaft“ entgegen, „die am Rande von Kirchentagen immer wieder ihre Anhänger versammelt“. Die „pure Zinsfeindschaft“ sei - so Issing - ein „mittelalterliches Phänomen“ und sollte in „unserer so aufgeklärten Zeit“ eigentlich längst überwunden sein. In der Auseinandersetzung um die Probleme der Dritten Welt werde jedoch „ökonomische Erkenntnis in einer Flut falsch verstandener Ethik und Moral ertränkt“.
   Tatsächlich war das Zinsnehmen in der modernen Wirtschaft lange Zeit eine Selbstverständlichkeit, bis die internationale Schuldenkrise eine neue Nachdenklichkeit erzeugte. Es wäre schade, wenn die neue Sensibilität für die Problematik des Zinsnehmens durch wissenschaftliche Verdikte über das alte, lange Zeit verschüttete Wissen der großen Religionen um die soziale Sprengkraft des Zinsnehmens vorschnell wieder gedämpft würde. Vielleicht könnte sich Issings Aufsatz aber auch als ein Anstoß erweisen, die sich bislang unversöhnlich gegenüberstehenden Befürworter und Gegner des Zinsnehmens miteinander ins Gespräch zu bringen und beiderseits Verständnis für differenziertere Sichtweisen zu wecken.

1 Das Zinsverbot im Judentum, Christentum und Islam

   Im Übergang von der Naturaltausch- zur Geldwirtschaft wurde auch das Zinsnehmen zur alltäglichen Gewohnheit. Da parallel dazu auch Gegensätze zwischen Armut und Reichtum aufbrachen, regten sich schon frühzeitig Vorbehalte gegen den Gebrauch des Geldes und gegen das Zinsnehmen, das als Wucher empfunden wurde. Wucher bedeutet etymologisch „jemandem etwas aus dem Fleisch schneiden“. Die Menschen der damaligen Zeit entwickelten ein feines Gespür dafür, dass sie sich durch das Zinsnehmen gegenseitig ausbeuteten, und zwar nicht nur materiell, sondern in dem Sinn, dass sie ihre individuelle Ganzheit von Körper, Seele und Geist und damit ihre Heiligkeit und Würde ebenso verletzten wie ihren Zusammenhalt im Sozialgefüge. Diese existenzielle Erfahrung von Unheil, Ungerechtigkeit und Unfrieden fand ihren Niederschlag in einer langen Kette von Warnungen vor dem Zinsnehmen, die von Moses über die Propheten und Jesus bis zu den christlichen Kirchenvätern und zu Mohammed reicht und die ihre Entsprechung in der antiken Philosophie hat.

   Diesen tieferen Sinn der jüdisch-christlich-muslimischen und aristotelischen Kritik am Zinsnehmen ignoriert Otmar Issing. Er verweist nur darauf - dies allerdings mit Recht - , dass moralisches Verdammen und Verbieten des Zinsnehmens keine geeigneten Mittel sein können, um wirtschaftliche Aktivitäten ‚von außen’ bzw. ‚von oben’ zu beeinflussen. Als historische Beweise für die Unmöglichkeit einer zinslosen Wirtschaft führt Issing die Umgehung des mittelalterlichen Zinsverbots und das damit verbundene Unrecht des Hasses auf die sog. jüdischen Wucherer sowie die Erfahrungen mit dem Kommunismus an. Tatsächlich machte es die Abschaffung der Privatwirtschaft im Kommunismus notwendig, den Zins als Instrument zur Lenkung der Ersparnisse in Investitionen durch eine Planungsbürokratie zu ersetzen bzw. unter anderem Namen als Planungsgröße wieder einzuführen. Und im Blick auf den Nationalsozialismus fragt Issing: „Kommt es von ungefähr, dass auch die andere totalitäre Weltanschauung, die in diesem Jahrhundert ihre furchtbare Spur hinterlassen hat, zum Zins grundsätzlich eine ähnlich feindselige Einstellung vertreten hat?“

 Diese Frage suggeriert eine Affinität der Zinskritik zu totalitären Ideologien, die es jedoch nicht gibt. Erstens waren Moses, die Propheten und Jesus über jeden Verdacht totalitärer Neigungen erhaben. Und zweitens richtete sich die NS-Parole von der „Brechung der Zinsknechtschaft“ gar nicht gegen die Macht des zinstragenden Geldes, sondern nur gegen jüdische und nicht gegen arische Geldhändler; sie war ein aus antisemitischen Ressentiments genährter propagandistischer Schachzug, um von der eigentlichen strukturellen Macht des zinstragenden Geldes abzulenken und die antikapitalistischen Sehnsüchte der durch den ersten Weltkrieg und die große Inflation entwurzelten unteren und mittleren Schichten auf das personalisierte Feindbild vom sog. ‚ewigen Juden’ zu projizieren. Diese NS-Demagogie war gleichsam eine moderne Fortsetzung des Unrechts der mittelalterlichen Judenverfolgung. Sie war aber nicht etwa deshalb ein Unrecht, weil der Wucher in Wirklichkeit gar nicht anstößig gewesen wäre, sondern weil Juden und Christen gleichermaßen in die nicht an einzelne Konfessionen gebundene strukturelle Sünde des Wuchers verstrickt waren - sei es, dass Christen Juden wirtschaftlich ausgrenzten und sie geradezu in die undankbare Rolle der Geldhändler hineindrängten oder dass sie sich auch selbst nicht an das kanonische Zinsverbot hielten. Es ist, nebenbei gesagt, beschämend, dass sich nach 1945 weder die christlichen Kirchen noch die Verfechter einer ‚zinslosen’ Wirtschaft lange Zeit nicht kritisch mit dieser nationalsozialistischen Perversion der uralten Zinskritik auseinandergesetzt haben. Dies ist aber notwendig, auch um einer erneuten Vermischung mit rechtsextremen Ideologien vorzubeugen.

2   Issings Rechtfertigung des Zinsnehmens

   In seinen praktischen Konsequenzen lief das mittelalterliche Zinsverbot seinen ursprünglichen theologisch-philosophischen Intentionen zuwider. Es erhöhte nämlich das Risiko der Kreditbeziehungen und führte damit zu Zinsen, die noch viel höher lagen, als es der tatsächlichen Relation von Kreditnachfrage und -angebot entsprochen hätte. Diese unbestreitbare Kontraproduktivität des Zinsverbots nimmt Issing zum Anlass, das Zinsnehmen kurzerhand vom „Stigma des moralischen Schattens“ freizusprechen und in Anlehnung an die Kapital- und Zinstheorien von Eugen von Böhm-Bawerk und Gustav Cassel zu begründen, warum es den Zins geben muss und welche unverzichtbaren Funktionen er in der modernen Wirtschaft erfüllt.

   Gemäß diesen standardökonomischen Theorien ist der Zins eine Belohnung für die Bereitschaft der Gläubiger, auf gegenwärtigen Konsum zu verzichten und Teile ihres Vermögens an Schuldner zu verleihen, welche damit in die Lage versetzt werden, in Produktionsgüter zu investieren und Gewinne zu erzielen. Der Konsumverzicht und der Vorteil der Produktivität hätten einen Preis - den Zins, den die Schuldner vom Gewinn abzweigen. Der Zins ist Issing zufolge „. . somit der Preis für vorgezogenes Verfügungsrecht über Güter beziehungsweise die entsprechende Nutzung von Kapital. ... Er stellt ganz allgemein die ökonomische Verbindung zwischen Gegenwart und Zukunft her.“

Abgesehen davon, dass Investitionen nicht wie selbstverständlich nur zu Gewinnen, sondern auch zu Verlusten führen können, geht es in der modernen Wirtschaft um Kreditbeziehungen in Größenordnungen, bei denen man schwerlich noch von Konsumverzicht sprechen kann. Zwischen Gläubigern und Schuldnern werden Millionenbeträge hin- und herbewegt, die man größtenteils nicht mehr konsumieren, sondern nur noch wieder investieren kann. Und wenn es den unterstellten Kausalzusammenhang zwischen Zins und Produktivität gäbe, müssten beide gleichzeitig steigen oder fallen.

Zwar räumt Issing einerseits ein, dass „. . in der modernen Wirtschaft Kredit fast nur noch in Geldform gewährt wird.“ Andererseits hebt er jedoch ganz besonders hervor, dass „ ... Kredit und Zins auch schon in der naturalen Tauschwirtschaft vorkommen, beide Phänomene sind also nicht an das Vorhandensein von Geld gebunden. ... Die Kreditvergabe in Geldform verbirgt den Keim des Zinses als Erscheinung der realen Wirtschaft.“ Damit soll offenbar der Eindruck erweckt werden, dass der Zins nichts mit dem Geld zu tun habe. Als vermeintlich zeitloses und systemunabhängiges Phänomen wird er so gegen jegliche Kritik abgeschirmt. Und tatsächlich bezieht sich Issing in diesem Zusammenhang auch auf die klassische und neoklassische Theorie, die das Geld bloß als einen „Schleier“ ansieht, der zwar über der Wirtschaft liege, aber keinerlei Einfluss auf das reale Geschehen habe.

3   Der Zins als widersprüchliche Mischung aus unersetzlichem Lenkungsinstrument und ökonomisch-ökologisch-moralischem Schatten

  Issings Argumentation ist teilweise zutreffend - und zwar insofern, als es ganz ‚natürlich’ ist, dass sowohl in Natural- als auch in arbeitsteiligen Geldwirtschaften Kreditangebot und -nachfrage entstehen, die über einen Zins, der das Risiko des Verleihens und die Kosten der Vermittlung abdeckt, zu einem selbsttätigen dezentralen Ausgleich streben. Wenn man die fragwürdige Rechtfertigung des Zinses als Konsumverzichtsprämie beiseite lässt, bleibt es unbestritten die durch keine Bürokratie zu ersetzende Aufgabe des Zinses, die Knappheit von Kapital bzw. seinen Überfluss anzuzeigen und über seine freien Schwankungen die Ersparnisse in geeignete Investitionen zu lenken, m.a.W. Kreditangebot und -nachfrage zum Ausgleich zu bringen.

   Die Charakterisierung von Geld und Zins als „Schleier“ und als „realwirtschaftliches Phänomen“ verschleiern jedoch im buchstäblichen Sinn, dass Geld mehr ist als ein bloßer Schleier und dass der Zins neben der Risikoprämie und der Vermittlungsgebühr in der modernen Wirtschaft noch einen besonderen, allein monetär bedingten Bestandteil enthält: den „Urzins“ (Gesell) bzw. die „Liquiditätsverzichtsprämie“ ( Keynes ). Dieser der Naturaltauschwirtschaft fremde und nicht realwirtschaftlich erklärbare Teil des Zinses ist eine Folge der strukturellen Macht des Geldes; sie beruht zum einen auf seiner potenziellen Hortbarkeit und zum anderen auf seiner Sonderstellung als „Joker auf den Märkten“ (Suhr) und gestattet es den Besitzern von Geldüberschüssen, für deren Weitergabe in den Wirtschaftskreislauf zusätzlich zur Risikoprämie und zur Gebühr für die Dienstleistung der Bank eine besondere Liquiditätsverzichtsprämie bzw. den Urzins zu erheben.

   Mit diesem Urzins bzw. der Liquiditätsverzichtsprämie kommt ein Machtfaktor in die Wirtschaft, der gegen das Leistungsprinzip verstößt und die Einkommen aus selbständiger und unselbständiger Arbeit zugunsten müheloser Besitzeinkommen schmälert. Er behindert den Ausgleich von Kreditangebot und -nachfrage und bringt nicht nur die Kredit-, sondern letztlich auch die damit vernetzten Tauschbeziehungen dauerhaft aus dem Gleichgewicht. Aufgrund seiner strukturellen Macht ist das Geld entgegen den klassisch-neoklassischen Theorien nicht nur ein bloßer Schleier über den Märkten, sondern auch ein Fremdkörper, der in die Marktprozesse eindringt und sie nach Maßgabe seiner Sonderinteressen fremdbestimmt:

   Der um den Urzins bzw. die Liquiditätsverzichtsprämie permanent überhöhte Zins bewirkt eine ständige Umverteilung der Einkommen und Vermögen von der Arbeit zum Besitz, von den Ärmeren zu den Reicheren - sowohl innerhalb der einzelnen Volkswirtschaften als auch in der gesamten Weltwirtschaft. Über die auf den einzelnen Produktionsstufen von der Rohstoffgewinnung bis zur Endfertigung und im Handel in die Preise einkalkulierten Zinsen zahlen rund 80% der Bevölkerung wesentlich mehr Zinsen als sie als Besitzer von Sparbüchern und Wertpapieren bekommen. Bei rund 10% ist der Saldo der Zinserträge und Zinslasten geringfügig positiv. Und in den Händen der letzten 10% konzentrieren sich die Vermögen der Reichen und Superreichen, die durch den Zins und Zinseszins immer noch größer werden (Creutz). Diese leistungswidrige Primärverteilung lässt sich erfahrungsgemäß nicht durch eine staatsinterventionistische Sekundärverteilung korrigieren.

   Im Produktionsbereich setzen die einen überhöhten Zins enthaltenden Preise falsche Signale für die Entscheidungen über die Ziele unternehmerischen Handelns. Das Ziel der Verzinsung von Eigen- und Fremdkapital dominiert eindeutig gegenüber dem Sachziel der Deckung des menschlichen Bedarfs (Heinen, Kosiol). Das Wirtschaftlichkeitsprinzip, das beim Naturaltausch gilt und auch bei einem tatsächlich neutralen Geldschleier gelten würde, tritt hinter das Rentabilitätsprinzip zurück. Obwohl zum Beispiel bei der Produktion von Verschleißgütern menschliche Arbeit und natürliche Ressourcen verschwendet werden, findet sie statt, weil sie mehr rentable Anlagemöglichkeiten bietet als die wirtschaftlichere Herstellung langlebiger und reparabler Güter. Während zum Beispiel Agrobusiness, Atomwirtschaft und Rüstungsproduktion rentabel sind, könnten eine naturgemäßere Landwirtschaft und umweltfreundlichere Technologien der Energiegewinnung bei niedrigerem Zinsniveau wirtschaftlich sein.

   Schließlich verursacht das mit dem Urzins bzw. der Liquiditätsverzichtsprämie behaftete Geld nicht nur eine qualitative, sondern auch eine quantitative Fehlsteuerung der Produktion. Durch den Zins und Zinseszins vermehren sich die Geldvermögen exponenziell und verselbständigen sich gegenüber der Realwirtschaft. Wie ein Tumor überwuchern sie den Marktorganismus und zwingen ihn, mittels immer neuer technologischer Innovationsschübe unter Missachtung ökologischer Grenzen mitzuwachsen, damit sich die Kluft zwischen Geld- und Realwirtschaft nicht zu einem Kollaps ausweitet.

   Aufgrund seiner Hortbarkeit und seines Liquiditätsvorteils vermag das Geld die Teile der arbeitsteiligen Wirtschaft nicht optimal zu integrieren. Da es den Märkten nicht nur dient, sondern sich auch selbst ‚angemessen’ von ihnen bedienen lässt, können Produktion und Zirkulation weder mikro-, noch makroökonomisch in ein stabiles Gleichgewicht gelangen. Der Urzins bzw. die Liquiditätsverzichtsprämie beeinträchtigen die Allokationsfunktion des Zinses so sehr, dass überall im Marktorganismus falsche, den Markt kapitalistisch deformierende Strukturen entstehen, die sich auch im Gesellschafts-, Wettbewerbs-, Haftungs- und Steuerrecht verhärten.

   Einerseits haben Geld und Zins der Menschheit einen Aufstieg aus einer ‚grauen Vorzeit’ zum Licht von Wohlstand und Kulturentfaltung ermöglicht - andererseits werfen beide einen ökonomisch-ökologischen Schatten auf die Wirtschaft, der auch ihren früheren, zeitweise verdrängten moralischen Schatten wieder sichtbar macht.

4   Jenseits von Zinsverbot und Zinsüberhöhung

   Die Diskussion um das Für und Wider des Zinses ist deshalb so schwierig, weil beide Seiten pauschal über ‚den Zins’ urteilen - die Standardökonomie betont seine positive Seite und ignoriert seine Schattenseiten, während Zinsgegner häufig die Schattenseiten so sehr hervorheben, dass sie seine Bedeutung als Knappheitspreis und als Instrument der dezentralen Lenkung von Ersparnissen in Investitionen aus dem Blick verlieren. Die verhärteten Fronten zwischen Befürwortern und Gegnern des Zinses lassen sich jedoch auflockern, wenn man zwischen seinen gegensätzlichen Bestandteilen differenziert: notwendig und marktkonform sind die Risikoprämie und die Bankgebühr für Einlagenverwaltung und Kreditvermittlung - marktwidrig und darum entbehrlich sind der Urzins bzw. die Liquiditätsverzichtsprämie und der Inflationsausgleich.

   Diese Differenzierung führt zu der Frage: Wie lässt sich der gordische Zinsknoten auflösen und wie kann man den ökonomisch-ökologisch-moralischen Schatten des Zinses überwinden, ohne auf den Zins als wirtschaftliches Steuerungsinstrument zu verzichten? Ein Weg zum allmählichen Abbau von Urzins bzw. Liquiditätsverzichtsprämie und Inflationsausgleich könnte sich eröffnen, wenn das Geld nach den Vorschlägen Gesells (die Keynes für „im Kern gesund“ hielt) mit künstlichen Durchhaltekosten belastet wird, die seine Hortung unattraktiv machen und seinen Liquiditätsvorteil neutralisieren. Damit schwindet die strukturelle Macht des Geldes, den Urzins bzw. die Liquiditätsverzichtsprämie zu erheben, und es muss dem Markt auch ohne diesen Tribut dienen. Infolge seiner verstetigten Umlaufgeschwindigkeit lässt sich dann die Menge des Geldes direkt steuern anstatt wie bisher indirekt durch zinspolitische Maßnahmen. Eine exakte Anpassung der Geldmenge an das Gütervolumen führt zu einer absoluten Kaufkraftstabilität, so dass auch der Inflationsausgleich im Zins wegfällt. Der Marktzins sinkt allmählich und pendelt sich auf eine um die Bankmarge und die Risikoprämie von Null abweichende Gleichgewichtslage ein, die sich je nach der Fristigkeit der Ausleihungen auffächert.

   Ein mit künstlichen Durchhaltekosten behaftetes Geld wird ein verteilungs-, produktions- und wachstumsneutraler Informationsdienst des Marktes. Es sorgt dafür, dass die Produktion wirklich vom menschlichen Bedarf gesteuert wird und auch ihren Absatz findet. Dadurch entstehen Existenzsicherheit und zwischenmenschliches Vertrauen - gerade auch das Geben, Nehmen und Zurückzahlen von Krediten wird entsprechend der eigentlichen Bedeutung des Wortes Kredit zu einer von Machtaspekten freien Angelegenheit des gegenseitigen Vertrauens. Obendrein bleibt der Zins nicht nur als ein Instrument der dezentralen Lenkung von Kapitalströmen erhalten; ohne seinen bisherigen Schatten kann er seine Allokationsfunktion sogar noch besser erfüllen.

Geldordnungspolitik anstelle von staatlichen Eingriffen in einen vermachteten Markt

  Issing weist moralisch-ethisch motivierte Staatseingriffe in den Markt zurück, besonders „... Versuche, den Zins durch staatliche Anordnung künstlich unter das im Markt bestimmte Niveau zu senken“. Als Beispiel für solche Interventionen distanziert er sich von dem, was Keynes im letzten Kapitel seiner „Allgemeinen Theorie“ in Anlehnung an Gesell über den „sanften Tod des Rentners“ ausgeführt hat.

   Die Vorbehalte gegenüber staatlichen Eingriffen in das Marktgeschehen sind vollauf berechtigt. Staatliches Regulieren von Löhnen und Preisen erwies sich noch immer als ineffizient und entsprang allzu oft einer als gemeinnützig ummäntelten Politik der Gruppeninteressen. Auch Zinsen dürfen nicht administrativ bestimmt werden - weder von moralisch agierenden Gesetzgebern noch von Notenbanken. Vielmehr müssen sie sich - wie es auch lssing verlangt - am Markt bilden, aber nicht auf einem durch die strukturelle Macht des Geldes kapitalistisch verzerrten Markt, sondern auf einem von jeglichen Privilegien wirklich freien Markt. Erst ein in eine rechtliche Rahmenordnung eingebetteter, Macht zerstreuender Markt bekommt jene Eigenschaften, die Issing an anderer Stelle zu Unrecht schon dem bestehenden vermachteten Markt zuschreibt: die allgemeine Gleichheit der Wettbewerbschancen, die „Farbenblindheit“ gegenüber religiösen und rassischen Minderheiten und der Schutz von Minderheiten vor wirtschaftlichen Benachteiligungen.

   Politik und Moral gehen in die Irre, wenn sie ein „vermeintlich eklatantes Marktversagen“ durch staatliche Interventionen korrigieren wollen. Darin ist Issing zuzustimmen, denn die Folgen solcher Eingriffe machen sich als Staatsversagen sichtbar. Was Neoklassiker gar nicht als Versagen erkennen und was Verfechter staatlicher Interventionen bei vordergründiger Betrachtung für ein „Marktversagen“ halten, ist in Wirklichkeit Ausdruck eines Geldversagens, welches Gesell und Keynes nicht - wie Issing fälschlicherweise unterstellt - mit staatlichen Interventionen beheben wollten, sondern mit einer Geldordnungspolitik, die den Markt in einen Rechtsrahmen einbindet und ihn zugleich befreit. Gesell und Keynes wollten den Zins nicht ‚von außen' unter sein von Marktkräften bestimmtes Niveau drücken, vielmehr ging es ihnen um eine Rahmenordnung der Marktwirtschaft, in der der Zins selbsttätig sinkt und sich frei beweglich in der Nahe von Null um einen neuen Gleichgewichtspunkt stabilisiert.

6 Synthese von Rationalprinzip und Moral

   Issing belässt es bei der Verbannung der Moral aus der Wirtschaft, weil sie der Rationalität der Marktprozesse widerspreche. Aber ist die Wirtschaft ein moralfreier Raum? Und erweist sich die vermeintliche Rationalität des kapitalistisch verfälschten Marktes bei näherem Hinsehen nicht oft als geradezu irrational und unvernünftig wie zum Beispiel die Wegrationalisierung vieler Arbeitsplätze und die Zerstörung natürlicher Lebensgrundlagen? Was ist rational an vier Millionen Arbeitslosen, an der Genmanipulation oder an der sog. Endlagerung radioaktiver Abfälle der Atomwirtschaft?

   Solange die strukturelle Macht des Geldes den einzelwirtschaftlichen Entscheidungen marktwidrige Sachzwänge auferlegt und sie an Rentabilitäts- statt an Wirtschaftlichkeitskriterien ausrichtet, kann die „unsichtbare Hand“ (Adam Smith) sie nicht zum Wohl des Ganzen aufeinander abstimmen. Den Einzelnen bleibt kaum eine andere Wahl, als jener Macht zu folgen, die „stets das Gute will und doch das Böse schafft“. An dieser „falsch verstandenen Rationalität“ vermag eine von außen als Appell oder als Gesetz aufgezwungene „falsch verstandene Moral“ nichts zu ändern. Wird demgegenüber der geldordnungspolitische Rahmen des Marktes so umgestaltet, dass die Zinsdynamik nur noch um die Bankmarge und die Risikoprämie pendelt, bekommt ein von innen geleitetes moralisches Handeln die Chance, zugleich auch wirtschaftlich und damit wettbewerbsfähig zu werden. In den selbstverantwortlichen Entscheidungen der Einzelnen gehen dann Rationalität und Moral fließend ineinander über und kommen zum selbsttätigen Ausgleich. Rationales Handeln in der Wirtschaft entspricht den Kriterien der Moral, und umgekehrt kann ein unmoralisches Verhalten dann nicht mehr wirtschaftlich vorteilhaft sein.

   Im Anschluss an Keynes hatten Dillard und Harrod begonnen, diesen Denkansatz von Gesell in die ökonomische Diskussion einzuführen. Die meisten Fachwissenschaftler nahmen jedoch davon keine Notiz oder gingen ohne nähere Auseinandersetzung wie Schumpeter, Hansen oder Bombach mit verächtlichen Bemerkungen darüber hinweg. Die Fähigkeit zur Einsicht in die Bruchstellen der vorherrschenden ökonomischen Theorien und das Verständnis für eine unorthodoxe Sichtweise haben offenbar nicht nur mit dem Intellekt und der Logik zu tun. Unterschwellig wirkt auch der Zeitgeist mit. Gerade in der Einstellung zu Geld und Zins drücken sich auch die jeweiligen Geisteshaltungen der verschiedenen Zeitalter aus. Das ‚finstere’ Mittelalter stand im Zeichen einer unmündigen, ohnmächtigen Gotteskindschaft des Menschen und hielt die im Geld und Zins schlummernde Dynamik ängstlich unter Verschluss. Und die ‚aufgeklärte’ Neuzeit, in der der Mensch zum anderen Extrem der Hybris und Allmacht tendierte, befreite den „Geist des modernen Kapitalismus“ (M. Weber) aus der Flasche und entfesselte die exponenzielle Selbstvermehrung der Geldvermögen durch Zins und Zinseszins und ein tendenziell unbegrenztes Wirtschaftswachstum. Mithin setzt das Verständnis für die Vorstellung eines um Bankmarge und Risikoprämie schwankenden Zinsniveaus nicht nur theoretische Erkenntnis voraus, sondern auch die Bereitschaft, eine sowohl nachmittelalterliche als auch nachmoderne Balance zwischen Ohnmacht und Allmacht zu suchen und die Rolle des Menschen in der Welt neu zu definieren.

Literaturhinweise

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Creutz, Helmut: Das Geldsyndrom - Wege zu einer krisenfreien Marktwirtschaft, München 1993. - Ders., Zins und Gewinn, in: Zeitschrift für Sozialökonomie 98. Folge 1993, S. 3-14.

Dillard, Dudley: Proudhon, Gesell and Keynes - An Investigation of some 'anti-marxian socialist' 'Antecedents of Keynes' 'General Theory', Dr.-Thesis University of California 1940. - Ders., Silvio Gesells Monetary Theory of Social Reform, in: American Economic Review Nr. 2 / 1942, S. 348-352.

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Garvy, George: Keynesianer vor Keynes, in: Gottfried Bombach u.a.(Hg.), Der Keynesianismus Band 2, Berlin 1976, S.21-34.

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Gesell, Silvio: Prof. Dr. Böhm-Bawerks „Positive Theorie des Kapitals“, in: Gesammelte Werke Band 7, Lütjenburg 1990, S. 279 - 289. - Ders., Noch einmal Böhm-Bawerks „Positive Theor-ie des Kapitals“, in: Gesammelte Werke Band 8, Lütjenburg 1990, S. 45-48. - Ders., Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld, in: Gesammelte Werke Lütjenburg 1991; besonders Teil V, S. 319-376 (Robinsonade, Urzins, Priorität des Geld- gegenüber dem Realkapital, Zinstheorien).

Hansen, Alvin: Keynes' ökonomische Lehren, Villingen 1959, S. 156.

Harrod, Roy: Dynamische Wirtschaft, Wien 1949, S, 177 ff.

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Keynes, John Maynard: Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes, Berlin 1936,
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Schumpeter, Joseph Alois: Review of the General Theory of Employment, Interest and Money, in: Joumal of the American Statistical Association December 1936.

Suhr, Dieter: Geld ohne Mehrwert, Frankfurt 1983. - Ders., Befreiung der Marktwirtschaft vom Kapitalismus, Berlin 1986. Ders., Kapitalismus als monetäres Syndrom, Frankfurt 1988. - Ders., Gleiche Freiheit, Augsburg 1989.

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